Ihr werdet es alle in eurem Newsfeed gehabt haben: „Gin Tonic hilft gegen Heuschnupfen!“ Mir geht die Behauptung, der abendliche Cocktail sei die Rettung für jeden Allergiker, mittlerweile gehörig auf den Keks. Und weil der Name verpflichtet, gibt’s natürlich einen Post zu dem Thema auf Ein Glas Rotwein

Wer hat das Fass aufgemacht?

Neu ist das Thema nicht: Schon im Juni 2017 berichtete Noizz davon, dass Gin Tonic bei Heuschnupfen helfen solle. Angeblich belegt durch eine Studie. Ich muss den Scrollbalken allerdings erst mal bis auf die Mitte der Seite ziehen, bis ich mich durch ein paar Füllwörter (völlig wahllos zwischendurch fett markiert) gescrollt habe und zur eigentlichen Aussage komme. Eine Studie von Asthma UK soll die positive Wirkung von Gin gefunden haben. Während Wein und Bier durch die enthaltenen Sulfite bzw. Histamine die Asthma-Attacken verschlimmern sollen, gäbe es in Gin praktisch keine Histamine. Im Gegenteil solle er laut Noizz sogar eher wie ein Anti-Histamin wirken und allergische Reaktionen somit verhindern. Immerhin lenkt der Autor ein: Gin sei kein Allheilmittel, verschlimmere die Symptome aber zumindest nicht und stelle daher die bessere Wahl im Vergleich zu Wein und Bier dar. Ich hüpfe weiter zur verlinkten Quelle, Asthma UK.

UPDATE 09.06.2019
Zum Zeitpunkt dieses Posts wurde unter dem Asthma-UK Link lediglich der Schauspieler Stephen Fry zur Asthma-auslösende Wirkung von Champagner zitiert. Und nicht etwa belastbare Daten. Nicht mit einem einzigen Wort wurde Gin überhaupt erwähnt. Dafür schrieb auch Asthma UK, dass Sulphite/Histamine in Wein und Bier zu vermehrten Asthma-Attacken führen können. 75 % der Asthmatiker gaben laut damaligem Stand an, dass Alkohol ihre Symptome verschlimmert – das heißt, die viel zitierte „Studie“ war lediglich eine Umfrage unter Menschen mit Asthma.
In der aktuellen Version des Artikels (aktualisiert im Dezember 2018) wird Gin (wieder?) erwähnt. Und zwar, dass er eine Asthmaattacke weniger häufig als Bier/Wein auslösen könnte, da er weniger Sulfite enthält. Experimentell überprüft ist das aber nicht und von einer Studie findet man dort auch nichts. Asthma UK betont auch, dass die Auslöser einer Asthmaattacke individuell verschieden sind und sich über die Zeit ändern können. Also raten sie generell zur Vorsicht bei Alkohol.

Es bleibt bei Vermutungen

Natürlich klingt der beschriebene Wirkmechanismus mit den Histaminen erst mal plausibel und jeder Ratschlag, mit Alkohol gerade bei bestehenden Erkrankungen vorsichtig zu sein, ist nie verkehrt. Ein genereller Zusammenhang von Alkoholkonsum und Asthma-Attacken scheint zu bestehen. Bei einer Umfrage von Vally und Kollegen berichten etwa 30 % der Teilnehmer Asthma-Attacken nach Alkohol zu mindestens zwei Gelegenheiten.

Bei solchen Fragebogen-Methoden kommt es auch immer sehr darauf an, wie gefragt wird. Wer explizit danach fragt, ob nach Alkoholkonsum eine Verschlimmerung des Asthmas eingetreten ist, suggeriert womöglich ungewollt, dass Alkohol ein guter Kandidat ist, um Anfälle auszulösen. Die Befragten suchen in ihrer Erinnerung nach Episoden, wo es nach dem Genuss von Wein und Co. zu Symptomen kam – und unterschlagen die Fälle, wo nach dem Trinken nichts passiert ist. Fragt man dagegen völlig ohne Vorgabe nach Auslösern für eine Asthma-Attacke, könnten die Antworten anders ausfallen. Die Befragten generieren dann vor allem Erinnerungen an Attacken an sich – und überlegen erst im zweiten Schritt, welche Ereignisse zuvor stattgefunden haben.

Das ist auch nicht ideal, denn selbst wenn völlig ohne Hinweise in der Frage Alkohol genannt wird, muss das auch hier nicht der Auslöser der Attacke gewesen sein. Aber es dämmt systematische Fehler ein.
Andererseits kommen die Leute vielleicht gar nicht darauf, den Alkohol zu erwähnen, den sie vor ihren Asthma-Symptomen getrunken haben, weil sie es nicht für wichtig halten. So übersieht man dann wichtige Einflussfaktoren, an die die Probanden gar nicht gedacht haben. Es ist also ein sehr schwieriger Forschungszweig. Ganz wichtig ist jedenfalls: Niemand hat hier untersucht, was passiert, wenn man Asthmatikern Alkohol gibt. Geschweige denn Gin. Niemand hat experimentell getestet, ob es weniger Symptome gibt, wenn Probanden Gin anstatt eines Placebos oder eines anderen Alkohols trinken. Es wäre ethisch auch schwierig, solche Untersuchungen durchzuführen.

Weniger schlimm heißt nicht unbedingt gut

Auch der Autor dieses Artikels in der pharmazeutischen Zeitung PTA scheint ähnlich genervt zu sein von den Cocktail-Gesundheitsratschlägen. In aktuell kursierenden Zeitungsmeldungen wird nämlich gerne der von der PTA genannte Ratschlag unterschlagen, dass bei der Einnahme von Antihistaminika am besten grundsätzlich auf Alkohol verzichtet werden sollte. Und die Medikamente abzusetzen, um stattdessen Gin zu trinken, ist ganz sicher nicht zielführend.

Zumal der Gin wenn dann eben nur im Vergleich zu Wein und Bier besser weg kommt. Der Logik nach könnte man auch sagen: „Wasser hilft gegen Heuschnupfen!“ Denn da sind auch keine Histamine oder Sulphite drin. Nicht nur das, es hat auch keine unschönen Wechselwirkungen mit Antihistaminen. Aber irgendwie klingt diese Schlagzeile nicht ganz so griffig wie die mit dem Gin.

Fazit also: Wenn man Asthmatiker ist und am Abend gerne etwas trinken würde und sowieso flexibel ist in der Wahl des alkoholischen Getränks, dann ist es einen Versuch wert, einen Gin anstatt des üblichen Weins zu probieren. Wer aber nun statt dem Wasser zum Gin greift in dem Glauben, damit seine Symptome zu verbessern, wird enttäuscht werden.

Generell sind vermeintliche Gesundheitsratschläge, die das Trinken von Alkohol (auch noch ohne explizites Limit) empfehlen, nicht ganz ungefährlich. Ja, primär geht es bloß darum, Freunde unter dem entsprechenden Facebook-Post zu verlinken mit den Worten: „Siehste! Ich hab’s doch immer gesagt, unsere letzte Cocktail-Party war bloß eine Therapie für dein Asthma!“ Und dann kommt irgendein Spielverderber-Blogger und sieht das viel zu (bier)ernst.

Die meisten Menschen werden wohl keine Alkoholsucht von einem Glas Gin mehr oder weniger entwickeln, aber es gibt nun mal Leute, die ein Problem mit abhängig machenden Substanzen haben. Alkohol ist kein Teufelszeug und wie man unschwer erkennen kann, bin ich auch kein Gegner davon. Aber in Anbetracht der Effekte auf Denken und Motorik und all der Wechselwirkungen mit Medikamenten sollte man sich dann doch überlegen, welches Bild von Alkohol man durch Artikel wie diese erzeugen möchte – und ob das smart ist.


Quellen und erwähnte Links in Reihenfolge des Erscheinens, Stand 23.04.2018, 08:47

[1] Noizz – Studie belegt: Bei Heuschnupfen hilft ausgerechnet Gin Tonic – 20.06.2017 – 18:08
[2] Asthma UK – Alcohol as an asthma trigger – zuvor: letzte Änderung August 2017 – Update 09.06.: letzte Änderung Dezember 2018
[3] Vally H., de Klerk N. & Thompson P.J. (2000). Alcoholic drinks: important triggers for asthma. J Allergy Clin Immunol. 105(3), 462-7.
[4] PTA-Forum online: Kein Wundermittel gegen Heuschnupfen – Ausgabe 14/2017