Ihr werdet es alle in eurem Newsfeed gehabt haben: „Gin Tonic hilft gegen Heuschnupfen!“ Mir geht die Behauptung, der abendliche Cocktail sei die Rettung für jeden Allergiker, mittlerweile gehörig auf den Keks. Und weil der Name verpflichtet, gibt’s natürlich einen Post zu dem Thema auf Ein Glas Rotwein. 

Wer hat das Fass aufgemacht?

Neu ist das Thema nicht: Schon im Juni 2017 berichtete Noizz davon, dass Gin Tonic bei Heuschnupfen helfen solle. Angeblich belegt durch eine Studie. Ich muss den Cursor allerdings erst mal bis auf die Mitte der Seite ziehen, bis ich mich durch ein paar Füllwörter (einige völlig wahllos fett markiert) gescrollt habe und zur eigentlichen Aussage komme. Eine Studie von Asthma UK soll die positive Wirkung von Gin gefunden haben. Während Wein und Bier durch die enthaltenen Sulfite bzw. Histamine die Asthma-Attacken verschlimmern sollen, gibt es in Gin praktisch keine Histamine. Im Gegenteil soll er laut Noizz sogar eher wie ein Anti-Histamin wirken und allergische Reaktionen somit verhindern. Immerhin lenkt der Autor ein: Gin sei kein Allheilmittel, verschlimmere die Symptome aber zumindest nicht und stelle daher die bessere Wahl im Vergleich zu Wein und Bier dar. Ich hüpfe weiter zur verlinkten Quelle, Asthma UK.

Bezeichnend genug, dass dort Schauspieler Stephen Fry zitiert wird, wenn es um die Asthma-auslösende Wirkung von Champagner geht. Und nicht etwa belastbare Daten. Schlimmer aber: Nicht mit einem einzigen Wort wird Gin überhaupt erwähnt. Zumindest nicht in der aktuellen Version der Website. Womöglich gab es letztes Jahr noch Aussagen zu Gin zu lesen. Dafür schreibt auch Asthma UK, dass Sulphite/Histamine in Wein und Bier zu vermehrten Asthma-Attacken führen können. 75 % der Asthmatiker geben an, dass Alkohol ihre Symptome verschlimmert – das heißt, die viel zitierte „Studie“ ist lediglich eine Umfrage unter Menschen mit Asthma.

Korrelation und Kausalität

Es wird stets gebetsmühlenartig wiederholt und daher fühle ich mich schon fast ein wenig schlecht, es ebenfalls schon wieder zu erwähnen: Nur, weil etwas in unserer Wahrnehmung gleichzeitig oder aufeinanderfolgend auftritt bedeutet das nicht, dass auch ein ursächlicher Zusammenhang besteht. Das heißt: Eine große Menge an Menschen hatte den Eindruck, dass Alkohol Asthma-Symptome verschlimmert. Es ist aber auch möglich, dass diese Leute sich irren. Es könnte zum Beispiel sein, dass die laute und gesellige Umgebung einer Bar oder einer Feier das Stresslevel erhöht und eine Attacke daher wahrscheinlicher wird. Natürlich ist der beschriebene Wirkmechanismus mit den Histaminen erst mal plausibel und jeder Ratschlag, mit Alkohol gerade bei bestehenden Erkrankungen vorsichtig zu sein, ist erst mal gut. Auch andere Studien finden generell Zusammenhänge von Alkoholkonsum und Asthma-Attacken, aber in anderen Dimensionen. Bei Vally und Kollegen berichten etwa 30 % der Teilnehmer Asthma-Attacken nach Alkohol zu mindestens zwei Gelegenheiten.

Bei solchen Fragebogen-Methoden kommt es auch immer sehr darauf an, wie gefragt wird. Wer explizit danach fragt, ob nach Alkoholkonsum eine Verschlimmerung des Asthmas eingetreten ist, suggeriert womöglich ungewollt, dass Alkohol ein guter Kandidat ist, um Anfälle auszulösen. Die Befragten suchen in ihrer Erinnerung nach Episoden, wo es nach dem Genuss von Wein und Co. zu Symptomen kam – und unterschlagen die Fälle, wo nach dem Trinken nichts passiert ist. Fragt man dagegen völlig ohne Vorgabe nach Auslösern für eine Asthma-Attacke, könnten die Antworten anders ausfallen. Die Befragten generieren dann vor allem Erinnerungen an Attacken an sich – und überlegen erst im zweiten Schritt, welche Ereignisse zuvor stattgefunden haben.
Das ist auch nicht ideal, denn selbst wenn völlig ohne Hinweise in der Frage Alkohol genannt wird, muss das auch hier nicht der Auslöser der Attacke gewesen sein. Aber es dämmt systematische Fehler ein.
Andererseits kommen die Leute vielleicht gar nicht darauf, den Alkohol zu erwähnen, den sie vor ihren Asthma-Symptomen getrunken haben, weil sie es für nichtig halten. So übersieht man dann wichtige Einflussfaktoren, an die die Probanden gar nicht gedacht haben. Es ist also ein sehr schwieriger Forschungszweig.

Ganz wichtig ist jedenfalls: Niemand hat hier untersucht, was passiert, wenn man Asthmatikern Alkohol gibt. Geschweige denn Gin. Niemand hat experimentell getestet, ob es weniger Symptome gibt, wenn Probanden Gin anstatt eines Placebos oder eines anderen Alkohols trinken.

Weniger schlimm heißt nicht unbedingt besser

Dieser Artikel in der pharmazeutischen Zeitung, dessen Autor ähnlich genervt zu sein scheint von den Cocktail-Gesundheitsratschlägen, bestätigt meinen Verdacht, dass der Mythos Gin lediglich auf einer Umfrage und der experimentell nicht belegten Interpretation möglicher Wirkmechanismen beruht. Und er scheint auch Futter zu sein für meine Vermutung, dass unter dem Link zu Asthma UK „damals“ tatsächlich noch Aussagen zum Thema Gin zu finden waren. Die Erwähnung dazu scheint sich nämlich ebenfalls auf die Asthma-UK-Quelle zu beziehen. Nämlich die, dass Gin aufgrund des geringeren Histamin-Gehalts für Asthmatiker besser verträglich sein könnte. Könnte.
In aktuell kursierenden Zeitungsmeldungen wird ebenfalls gerne der von der PTA genannte Ratschlag unterschlagen, dass bei der Einnahme von Antihistaminika am besten grundsätzlich auf Alkohol verzichtet werden sollte. Und die Medikamente abzusetzen, um stattdessen Gin zu trinken, ist ganz sicher nicht zielführend.

Zumal der Gin wenn dann eben nur im Vergleich zu Wein und Bier besser weg kommt. Der Logik nach könnte man auch sagen: „Wasser hilft gegen Heuschnupfen!“ Denn da sind auch keine Histamine oder Sulphite drin. Nicht nur das, es hat auch keine unschönen Wechselwirkungen mit Antihistaminen. Aber irgendwie klingt diese Schlagzeile nicht ganz so griffig wie die mit dem Gin.

Fragwürdige Ratschläge

Fazit also: Wenn man Asthmatiker ist und am Abend gerne etwas trinken würde und sowieso flexibel ist in der Wahl des alkoholischen Getränks, dann ist es einen Versuch wert, einen Gin anstatt des üblichen Weins zu probieren. Wer aber nun statt dem Wasser zum Gin greift in dem Glauben, damit seine Symptome zu verbessern, wird enttäuscht werden.

Generell sind vermeintliche Gesundheitsratschläge, die das Trinken von Alkohol (auch noch ohne explizites Limit) empfehlen, nicht ganz ungefährlich. Ja, primär geht es bloß darum, Freunde unter dem entsprechenden Facebook-Post zu verlinken mit den Worten: „Siehste! Ich hab’s doch immer gesagt, unsere letzte Cocktail-Party war bloß eine Therapie für dein Asthma!“ Und dann kommt irgendein Spielverderber-Blogger und sieht das viel zu (bier)ernst.
Die meisten Menschen werden wohl keine Alkoholsucht von einem Glas Gin mehr oder weniger entwickeln, aber es gibt nun mal Leute, die ein Problem mit abhängig machenden Substanzen haben. Alkohol ist kein Teufelszeug und wie man unschwer erkennen kann, bin ich auch kein Gegner davon. Aber in Anbetracht der Effekte auf Denken und Motorik und all der Wechselwirkungen mit Medikamenten sollte man sich dann doch überlegen, welches Bild von Alkohol man durch Artikel wie diese erzeugen möchte – und ob das smart ist.


Quellen und erwähnte Links in Reihenfolge des Erscheinens, Stand 23.04.2018, 08:47

[1] Noizz – Studie belegt: Bei Heuschnupfen hilft ausgerechnet Gin Tonic – 20.06.2017 – 18:08
[2] Asthma UK – Alcohol as an asthma trigger – letzte Änderung August 2017
[3] Vally H., de Klerk N. & Thompson P.J. (2000). Alcoholic drinks: important triggers for asthma. J Allergy Clin Immunol. 105(3), 462-7.
[4] PTA-Forum online: Kein Wundermittel gegen Heuschnupfen – Ausgabe 14/2017