Einer meiner Professoren im ersten Semester erklärte einleitend, es sei eine alte Binsenweisheit, dass Forscher sich stets mit den Themengebieten beschäftigten, in denen sie Defizite hätten. So forsche er beispielsweise an Entscheidungsverhalten. Bis heute weiß ich nicht, was er im Leben schon für schlechte Entscheidungen getroffen hat, denn ein paar richtige müssen ohne Frage dabei gewesen sein, wenn man in relativ jungen Jahren bereits eine Professur ergattern konnte. Oder überhaupt eine Anstellung mit Perspektive in der Forschung gefunden hat.
Dieser Post soll sich dagegen um Dating, speziell Dating-Apps, drehen. Ich möchte damit nicht unbedingt sagen, dass ich schlecht darin bin. Das Alter, in dem ich mich befinde, ist eine ganz ganz merkwürdige Zeit. Im Freundeskreis ist nämlich alles dabei: Verheiratet seit drei Jahren. Langzeitbeziehung beendet. Frisch gebackene Eltern. Tinder-König. Wochenend-Beziehung mit Märchen-Charakter. Eine unglückliche Männergeschichte nach der anderen. Und dann bin da noch ich.

Psycho, weiblich, sucht …
Auch wenn ich stets behaupte, als verrückte Katzenlady zu enden und einen gewissen Hang zu ironischer Bitterkeit habe, tickt die biologische Uhr mit 23 noch nicht soooo laut, dass man sie nicht mit in die Ohren gesteckten Fingern ignorieren könnte. Ich habe Zeit. Noch. Immerhin liegt das Erstheiratsalter für Frauen bei durchschnittlich 30,2 Jahren. Massig Zeit. Gut, wenn man bedenkt, dass vor einer Hochzeit etwa drei bis fünf Jahre Beziehung stehen und wenn wir uns jetzt vorstellen, dass ich noch ein, zwei vergeigte- waaah!
Spaß beiseite. Oft genug hört man Stimmen die behaupten, krampfhaft eine Beziehung zu suchen sei sowieso ganz schlecht; lieber solle man lernen, alleine klarzukommen und Single zu sein. Wer eine Beziehung haben will, ist sowieso noch nicht bereit für eine. Merke: Partnerschaften sind nur für Leute was, die allein mit sich selbst eigentlich sehr zufrieden sind.
Jetzt bin ich aber nun mal Wissenschaftlerin, und kann die positiven Effekte einer guten Partnerschaft (wenn auch eher nur korrelativ messbar) einfach nicht leugnen. Eingedämmte Gesundheitsrisikofaktoren und mehr Glück zum Beispiel – das klingt doch ganz gut, wohingegen Einsamkeit und miese Beziehungen in schlechterer Wundheilung oder kardiovaskulären Effekte und schlechterem Schlaf resultieren können. Nein, eine Beziehung macht natürlich nicht zwingend gesünder und glücklicher, aber wenn ich das Gesamtbild so betrachte, sollte ich die Sache mit der Partnerschaft doch besser mal auf die Kette kriegen. Katzenfutter für 90 Katzen ist schließlich teuer, und ich weiß nicht, ob ich mir das mit meiner Rente leisten können werde.
Umgekehrt würde mein zukünftiger Partner schließlich auch von den positiven Gesundheits- und Gemütseinflüssen einer Beziehung profitieren, ich habe also auch etwas zu bieten. Anders als die Autorin des oben verlinkten NEON-Artikels bin ich allerdings (aufgrund simpelster Logik) der Meinung: Wer finden will, der muss zuerst mal suchen. Noch nie habe ich jemanden auf Wohnungssuche erlebt, der sich auf die Taktik „Ich lasse es auf mich zukommen und warte, bis ich zufällig an einer leeren Wohnung vorbeispaziere“ verlassen hat. Und wie sucht man als Nerd ohne nennenswerten Zugriff auf männliche potenzielle Partner in der Freizeit? (Schon mal versucht, in einem Pferdestall einen Mann Mitte, Ende 20 aufzutreiben?) Speziell, wenn man eine Vorliebe für Zahlen und Daten und natürlich das Internet hat?
Genau, Online-Dating. Tausende von möglichen Partnern, Matching-Verfahren basierend auf Wissenschaft – wenn das nicht effektiv klingt, dann weiß ich auch nicht.
Weil „Wissenschaft“ aber „überprüfbar“ bedeutet, habe ich mich mal in die Sache reingelesen. Zig Papers zum Thema (Online-)Dating, Matching und Beziehungen später war klar, dass mein Vorhaben etwas eskaliert war (und zwar quickly!). Entlanggehangelt habe ich mich hauptsächlich an einer ausführlichen Übersicht von Finkel und Kollegen, wo ich auch die meisten Referenzen finden konnte, die ich hier anführe.
Einen ganzer Haufen Paper, die ich mir zusammengeklaubt habe, hat es nicht in dne Post geschafft, weil der auch so schon den Rahmen sprengt. Vielleicht werfe ich da in einem weiteren Beitrag noch das ein oder andere nach.
Begleitet mich auf meiner Reise durch die wissenschaftlichen Hintergründe von (Online-)Dating und Beziehungen mit gelegentlichen Einstreuungen persönlicher Erfahrungen. Hust, hust.
„Dating-Apps? Wie wär’s mal mit real life?“
… zitiert nach meinem Bruder, der nach zwei online gestarteten Beziehungen – beide fulminant filmreif gescheitert – kein Verständnis für meinen Ansatz hat, einen Partner im world wide web zu suchen. Auch einige meiner Freunde finden das komisch und meinen: Online versucht man’s nur, wenn man’s im echten Leben nicht auf die Kette kriegt.
Kommt schon. Das Internet mag für uns alle Neuland sein, aber ich will effizient arbeiten. Mehr Partnervorschläge, als ich in meinem ganzen Leben in Bars zufällig treffen kann, alle relevanten Infos auf einen Blick, schnelles Swipen anstatt vorsichtiger und zeitaufwändiger Bewerbungsgesprä- äh, Annäherungsversuche. Und was mich vor allem beruhigt: Die meisten Leute auf diesen Plattformen suchen auch jemanden. Die Antwort „Nee, danke, hab schon“ ist also eher selten, was mir ein paar Peinlichkeiten erspart.

Dieser Absatz dreht sich um meine persönliche anekdotische Evidenz. Liebhaber harter Daten können diesen Teil also überspringen. Für den Rest plaudere ich gerne aus dem Nähkästchen. Ich bin kein unbeschriebenes Blatt, was diese Art von Apps angeht. Nach ein paar Dummheiten in jungen Jahren schlitterte ich mit 17 in eine lange und ernste Beziehung. Nach über vier Jahren standen alle Zeichen auf Familienplanung, bis ich merkte: Das ist es nicht mehr.
Danach war für mich klar: Ich habe keine nennenswerten Dating-Erfahrungen. Meine soziale Kompetenz entspricht der eines Gurkenglases. Meine Fähigkeit, meinen Selbstwert einzuschätzen und damit umzugehen ebenfalls. Ich hatte Lust, zu lernen und zu erfahren. Ich wollte raus in die Welt, auf den Markt. Und ich hatte ja nun ein wenig Input bekommen, was ich nicht will; Zeit also, das zu suchen, was ich will.
Mit beeindruckender Losgelassenheit installierte ich mir Tinder, ungeachtet des Rufs der App, hauptsächlich One-Night-Stands zu liefern. Eine feste Beziehung war zwar mein Langzeitziel, aber mir ging es hauptsächlich darum, lockerer zu werden. Ein paar langweilige Chats, ein paar miese Dates und dann doch „den Richtigen“ zufällig im Freundeskreis treffen, zu dem Zeitpunkt dann entspannt und geerdet durch meine Vorerfahrungen – so lautete jedenfalls der Plan.
Es stellte sich heraus, dass ich meine selbstverschriebene „Tinder-Therapie“ auch bitter nötig hatte. Nach (und ich wünschte, das wäre eine Hyperbel!) zwei Stunden Streifzug durch die Profile in meiner Umgebung kam ich an den Punkt, an dem ich mir sagte: „So wird das nichts. Du musst auch mal nach rechts swipen.“ (Ihr wisst zwar eigentlich alle, wie es funktioniert, aber falls nicht: Nach rechts swipen bedeutet, Interesse zu bekunden.) Es war gar nicht so, dass keiner der Kerle mir gefallen hätte. Einige wirkten wirklich sympathisch. Aber mir fiel es unglaublich schwer, mir vorzustellen, mit einem dieser unbelebten Fotos etwas anzufangen oder gar eine Beziehung zu führen. Ein sehr merkwürdiger Gedanke, der mich eine Kontaktaufnahme im letzten Moment stets verwerfen ließ.
Einmal ins kalte Wasser gesprungen jedoch ging es ganz gut und meine Erfolgsstory begann. Meine Laborkollegen sollten später verkünden, ich habe Tinder durchgespielt. Eine Woche, ein paar wenige Chats, ein einziges Date – und der Typ war’s dann. Innerhalb von drei Nachrichten hatten wir uns darauf verständigt, dass wir beide Semikolons und schlechte Wortspiele mögen und ich war völlig verzückt, dass man jemanden finden kann, der von großen Dingen wie Hobbies bishin zu Kleinigkeiten wie spezifischer Wortwahl so viel mit einem gemeinsam hat. Ein Tinder-erfahrener Freund hatte mir geraten, nicht lange mit einem Treffen zu fackeln und von da an ging alles dann sehr schnell. Wir entdeckten immer mehr Gemeinsamkeiten, mein Zustand entsprach dem eines Schafs auf Gras, also, rauchbarem Gras, und vielleicht entging mir deswegen, dass die Dinge nach einem Monat aus dem Ruder zu laufen begannen. Die Frequenz der Treffen senkte sich drastisch, der Kontakt mit Freunden und Familie wurde vermieden und Dinge, die ich mir eigentlich ganz leicht und selbstverständlich ausgemalt hatte (wie die Absprache, ob das jetzt eine Beziehung ist oder nicht oder größere Zuneigungsbekundungen), endeten in Katastrophen, die einer gewissen Situationskomik nicht entbehren können. So gerne ich auch über meine eigenen Fuck-my-life-Momente lache, war das eine sehr destruktive Zeit, in der ich Freunde und Motivation verloren habe. Und auch ein großes Stück Ehre, sofern das eine begrenzte Ressource ist.
Nach einem halben Jahr war der Spuk dann vorbei und ich überlegte, ob jetzt wohl der richtige Moment sei, mich „um mich selbst zu kümmern“ und bewusst Single zu bleiben; auf die Gefahr hin, in wilder Grübelei einfach liegen zu bleiben. Oder ob es nicht mittelfristig besser sei, einfach weiter zu suchen und das Vergangene zu ignorieren. Ich hatte mir in meinem Enthusiasmus auf der vorherigen Suche gut gefallen, also kam Tinder wieder aufs Handy. Auch Lovoo wurde installiert, das hielt ich allerdings aufgrund der Flut von Benachrichtigungen keine 24 Stunden aus. Ja, die kann man ausstellen – aber irgendwie hatte ich auch nicht das Gefühl, dass meine Zielgruppe auf dieser Plattform beheimatet war.
Dann entdeckte ich OkCupid und war verzückt. Auf Tinder hatte ich es damals für einen unerhörten Zufall gehalten, jemanden zu treffen, der so tickt wie ich. Die zugleich erhebende und ernüchternde Erfahrung auf OkCupid: Die sind hier alle so! Nicht wirklich alle, versteht sich. Aber der Anteil an Akademikern und Nerds war schon sehr hoch; gefühlt gab jeder Zweite C++ als gesprochene Sprache an. Da die App englischsprachig ist, waren die meisten auch halbwegs flüssig im angelsächsischen Vokabular, was ich persönlich immer ganz attraktiv finde. Und weil auch Matching basierend auf einem großen Fragenpool angeboten wurde, waren die angemeldeten Nutzer nicht nur bereit, Unmengen an irrwitzig-persönlichen Fragen über sich zu beantworten, die meisten hatten auch bereitwillig ganze Biographien über sich als Profil verfasst. Ha! Endlich Menschen, die kein Problem mit den riesigen Textfluten haben, die von mir ausgehen!
In der Tat wurde besagte Flut nicht nur bereitwillig angenommen, sondern auch zurückgegeben. Ich führte tagelang Chats über Atheismus vs. Agnostizismus, Multiversums-Theorien, Dating-Philosophie, Feminismus und das deutsche Schulsystem. In manchen Fällen waren die Texte so ausufernd, dass sie in nummerierte Absätze gestaffelt waren. Ein Treffen kam oft schon gar nicht mehr in Frage, aber die Diskussion wollte weitergeführt werden.

Mein Selbst-Marketing lief offensichtlich auf allerhöchstem Niveau: Ein Bekannter aus alten Zeiten war in meiner letzten Tinder-Phase offenbar für ein paar Tage zurück in der Heimat (Schützenfest ist eines der Heiligtümer auf dem Dorf) und entdeckte – selbst der leuchtenden Fackel des Tinder folgend – mein Profil. Das fand er so großartig, dass er mich zwar nicht anschrieb, es dafür aber screenshottete und voller Begeisterung an seine Freunde verschicke. Die mir wiederum davon berichteten. Das Ergebnis dieser He-said-she-said-Story: Mein Text lässt mich offenbar witzig und smart wirken.
Nun ist es als Frau generell sehr einfach, an potenzielle Bewerber zu kommen und das tut mir furchtbar leid, weil ich von Kollegen weiß, wie desolat die Situation dagegen für Männer aussieht. Mein schlechtes Gewissen ist dadurch gemindert, dass ich es dennoch für beide Geschlechter für in etwa gleich knifflig erachte, aus einem Date auch eine Beziehung zu basteln. Was das angeht, habe ich in der Tat absolut keine Ahnung, was ich tue.
Dating-Apps benaspruchen die Kompetenz, die mir in dieser Hinsicht fehlt, souverän für sich. Wie bereits angesprochen nutzt OkCupid ein Matching-Verfahren. Ich beantworte Fragen über mich und gebe zusätzlich an, welche Antworten ich mir von meinem potenziellen Partner wünschen würde. Optional kann ich die Fragen gewichten, je nachdem, wie sehr mir das Thema am Herzen liegt. Neben einer Gesamtübereinstimmung sind die Themenbereiche auch gegliedert. Beispielsweise hatte ich mit einem Physiker eine sehr große Übereinstimmung was Religion, Lifestyle und Co. anging, aber nur ein 22%iges Match in Sachen sexuelle Präferenzen – was mich eher skeptisch machte. Dennoch gab es eine ganze Reihe von Matches im hohen 90er-Bereich, und damit, so dachte ich jedenfalls, kann man doch arbeiten.
Immerhin habe ich mir diesmal auch die Erfahrung eines miesen Dates gegönnt, anstatt mir sofort den vermeintlichen Traumprinzen zu fischen. Der vorangegangene Chat war sympathisch, das reale Gespräch eigentlich auch, wenn auch irgendwie merkwürdig (der Bursche hat alle fünf Minuten ein High-Five initiiert), aber vor allem fand wohl eine Menge Misskommunikation statt. Für mich war binnen Minuten klar, dass der Typ zwar nett ist, aber keinerlei Anziehung besteht. In dieser Hinsicht wich sein Eindruck wohl deutlich ab, denn als ich zum Abschied ansetzte zu erklären, dass das nichts wird mit uns beiden, schien er einen Kuss zu erwarten. Woops.
Das ist nicht das einzige Resultat meiner Expedition durch OkCupid, aber vielleicht sprechen wir an dieser Stelle besser nur hypothetisch weiter.

Mit 94% in den Sonnenuntergang – kann das gehen?
Nehmen wir mal an, man hat ein 94%iges Match gefunden, das sich auch im realen Leben wie mindestens 94% anfühlt. Man könnte sich jetzt freuen, dass „die Wissenschaft“ einen tollen Menschen für einen gefunden hat, sich begeistert in die Sache stürzen und gemeinsam der rot glühenden untergehenden Sonne entgegenreiten. Man könnte sich auch die Frage stellen: Was repräsentieren diese 94%? Ist es möglich, die Beziehungsqualität von zwei Menschen vorherzusagen? Ist Online-Dating überhaupt besser als Offline-Dating? I’m fun at dating.
Meine Neugier begann mit einer halbherzigen Suche auf Google, wo ich über einen Artikel stolperte, der besagt, dass Matching überhaupt nicht mit Beziehungserfolg korreliert. „Verliebt euch nicht auf OkCupid“, warnt der Autor etwas reißerisch gleich zu Anfang. Woops. Ich äh … suche mal weiter und finde diesen etwas ungriffigen Artikel. Offenbar hat OkCupid Usern falsche Match-Prozentzahlen vorgesetzt, um zu sehen, ob User allein aufgrund dessen mehr Interesse an einem potenziellen Partner zeigen. Oder anders gesagt: Funktioniert Matching vielleicht nur aufgrund eines Placebo-Effekts? Wenn wir glauben, unseren Seelenverwandten vor uns zu haben, dann verhalten wir uns entsprechend – und allein schon mehr Offenheit beim ersten Treffen sorgt dafür, dass der andere lockerer ist, wodurch wir wiederum ein klein bisschen verknallter sind und dann …
Ohne Frage eine interessante Theorie. Aber die Zahlen, die in dem Artikel genannt werden, reichen absolut nicht aus, um eine Aussage treffen zu können. Die experimentelle Prozedur ist nicht vollständig offen gelegt und ich sehe nur rohe Prozentzahlen, die vielleicht oder vielleicht auch nicht statistische Tests durchlaufen haben. Vermutlich haben sie das nicht, und auch wenn es rein deskriptiv so auszusehen scheint, als ob User andere User häufiger kontaktieren, wenn sie angeblich ein hohes Match mit ihnen haben (obwohl sie laut Algorithmus eigentlich nicht zusammen passen), bezweifle ich, dass die Unterschiede überhaupt so groß sind, dass sie statistische Signifikanz, geschweigedenn einen hohe Effektstärke erreichen. Abgesehen davon: Ist es denn überhaupt ein „Fehler“ jemanden nur aufgrund eines hohen Matches zu kontaktieren? Wie viel mehr an Information habe ich denn überhaupt anfangs? Ich brauche ernstzunehmende Forschung und komme daher auf das eingangs genannte Finkel-Paper zurück, auf das sich auf der JSTOR-Artikel bezieht.
Die Autoren fragen sich, ob Online-Dating a) fundamental anders ist als Offline-Dating und, viel spannender, b) besser. Populär ist es mittlerweile auf jeden Fall: Unter Paaren, die sich 2009 kennengelernt hatten, hatten sich 22% online getroffen. Finkel und Kollegen werfen einen Blick auf die Kategorien Zugang, Kommunikation und Matching und kommen zu dem Schluss: Online-Dating ist anders. Selbst wenn man davon ausgeht, dass viele User auf Kontaktanfragen gar nicht erst reagieren, ist der Zugang zu potenziellen Partnern deutlich größer als offline. Ich wüsste kaum einen Weg, wie ich meine Dates hätte zufällig treffen sollen – dabei waren sie gar nicht mal so weit weg von mir. Hinzu kommt, dass ich unter Umständen schon eine Menge persönlicher Informationen über mein Online-Date habe, bevor ich es treffe. Vielleicht weiß ich so besser, was mich erwartet; vielleicht verliere ich so den Reiz, Stück für Stück etwas Neues an meinem Date zu entdecken.
Auch die Kommunikation unterscheidet sich insofern, dass bei Offline-Treffen natürlich weniger (im Vorfeld) über technische Hilfsmittel interagiert wird, was Implikationen haben mag. Vor allem Matching ist offline eher selten anzutreffen. Zwar gibt es auch menschliche Kuppler oder Familie/Freunde fungieren als solche, aber ein computergestützter Datenabgleich zwischen potenziellen Partnern ist eine Eigenart von Online-Dating-Services.
Nun ist anders aber nicht immer besser – was sagen die Daten dazu? Das Problem ist: Es gibt keine. Jedenfalls keine direkten. Denn diejenigen, die diese Daten liefern können, tun das nicht. Angeblich aus Angst vor Konkurrenz halten Dating-Services das „Geheimrezept“ ihrer Matching-Algorithmen zurück und wenn man nicht weiß, welche Parameter einfließen, dann lässt sich auch nicht überprüfen, ob es sich um sinnvolle Kriterien handelt. Es fehlen unabhängige, bestenfalls randomisierte Trials, die in wissenschaftlichen Journals veröffentlicht werden, damit Wissenschaftler, die nicht von den entsprechenden Services finanziert werden, die Daten replizieren können. Auch die statistische Methodik und das experimentelle Design müssen offen gelegt werden, um mögliche Zufallseffekte zu finden und andere Ursachen für mögliche Dating-Erfolge auszuschließen.
Wenn ich nämlich als außenstehender Wissenschaftler sage „Okay, dann schaue ich mir zumindest an, ob Beziehungen, die aufgrund von Online-Dating entstanden sind, zufriedener sind als die, die sich offline gefunden haben“ – dann stehe ich vor einer Reihe von Problemen. Das erste wäre eine geeignete Kontrollgruppe. Online-Dater vs. Offline-Dater funktioniert nicht, denn es kann von vornherein Unterschiede zwischen den beiden Gruppen geben. Vielleicht sind Leute, die Online-Dating betreiben, generell motivierter, eine Beziehung zu finden als Leute, die es einfach auf sich zukommen zu lassen? Oft zahlt man für Online-Matching-Services Geld, was für eine andere Einkommensstufe von Online-Datern sprechen könnte. Wer online ein Match gefunden hat, ist vermutlich auch anders als andere – nicht jeder User ist nämlich gleich gut „matchbar“. Manche Eigenschaften sind einfach gefragter, wodurch Menschen, die diese besitzen, leichter „zu vermitteln“ sind.
Wie in dem Forbes-Artikel schon angedeutet, können auch Dinge wie der Placebo-Effekt eine Rolle spielen. Ich verhalte mich anders, wenn ich glaube, den richtigen Partner für mich vor mir zu haben. Das mag zwar (zumindest kurzfristig) zu erfolgreicheren Dates oder sogar Beziehungen führen, aber das bedeutet nicht, dass der Matching-Algorithmus selbst daran „schuld“ ist.
Finkel und Kollegen behaupten zu Recht, dass es nur eine Lösung geben kann: Eine randomisierte Studie, wo Menschen, die alle an Online-Dating interessiert sind, zufällig in drei Gruppen eingeteilt werden. Die einen müssen leider warten, bis sie den Dating-Service nutzen dürfen. Die anderen nutzen den Service ganz herkömmlich. Und die dritte Gruppe nutzt zwar das Dating-Angebot, aber sie weiß nicht, dass ihre Matches zufällig zu Stande gekommen sind und nichts darüber aussagen, wie kompatibel sie mit einem anderen User sind. Gut, völlig zufällig dürfen die Matches nicht sein; wenn ich an Männern interessiert bin, dürfen mir zum Beispiel keine Frauen vorgeschlagen werden.
Status: Es ist kompliziert
Da eine solche ideale Studie aber nicht existiert, müssen wir uns mit dem behelfen, was in der Forschung bisher zu dem Thema publiziert wurde. Und wie das immer so ist, ist die Antwort nicht immer so eindeutig, wie die glatten Zahlen der Matching-Algorithmen vielleicht vorgaukeln.
Unbestreitbar ist, dass ich online leichter Zugang zu mehr potenziellen Partnern habe. Ich kann gemütlich mit einer Tüte Chips auf dem Sofa liegen und Profile durchsuchen oder mal eben zehn Minuten vor dem Einschlafen investieren, anstatt mich für einen langen Abend in der Bar schick zu machen. Und wenn ich zu schüchtern bin, um jemanden offline anzusprechen, kann eine Online-Konversation ein guter Einstieg sein, um doch Kontakt herzustellen.
Bei der erhöhten Auswahl online stellt sich jedoch die Frage: Sind wir überhaupt kompetent genug, mit einem so großen Angebot umzugehen? Sind wir überhaupt in der Lage, den richtigen Partner für uns anhand von Profilen auszuwählen (mal davon ausgehend, dass das noch kein Matching-Algorithmus für uns getan hat)?

Ernüchternderweise sieht es nicht so aus. Zwar können wir nur anhand von Fotos ganz gut Eigenschaften anderer Menschen einschätzen, aber es sieht ganz so aus, als würden wir weniger die Menschen kontaktieren, die unsere eigenen Vorlieben erfüllen als vielmehr die, die von der Allgemeinheit als toll empfunden werden. Wenn wir Leute befragen, welche Eigenschaften ihr Wunschpartner haben sollte, dann zeigt sich, dass diese Präferenzen im echten Leben nicht greifen. Am Ende suchen wir also gar nicht das, was wir glauben zu suchen und in Wahrheit wollen wir alle einen gutaussehenden, gut verdienenden Partner mit tollem Charakter, unabhängig davon, ob so jemand zu uns passt oder nicht. Daraus resultiert, dass wir online oft Menschen anschreiben, die eigentlich außerhalb unserer Liga sind und dass besonders „gute“ Menschen beim Speed-Dating mehr Angebote bekommen als andere. Ich gestehe, dem Luxus der übermäßigen Auswahl gegenüberstehend, wurde ich auch ein wenig gieriger und anspruchsvoller. Nerds mit gutem Humor habe ich zu hunderten gefunden; da konnte ich es mir sogar leisten, mir zusätzlich nur die herauszusuchen, die auch noch gut aussehen. Überhaupt habe ich mir durch meine Erfahrungen mit Dating-Apps erlaubt einzugestehen: Ich finde gutaussehende Menschen gut. Das Bisschen Oberflächlichkeit gönne ich mir, habe ich beschlossen.
Das Problem, dass wir erschreckend wenig darüber Bescheid zu wissen scheinen, was wir eigentlich haben wollen, besteht freilich nicht nur im Online-Dating-Kontext, sondern auch im echten Leben und wird häufig beim Speed-Dating untersucht.

Schön. Wir wissen zwar nicht, was wir wollen, aber die große Anzahl an verfügbaren Profilen muss es doch zumindest leichter machen, die verfügbaren Optionen zu vergleichen? Auch das ist vermutlich eine Fehlannahme.
Dadurch, dass ich nicht wie beim Offline-Dating einen Partner nach dem anderen „auswerte“, sondern viele zur gleichen Zeit, verstricke ich mich womöglich in ein Denkmuster, das dem Titel dieses Posts sehr nahe kommt. Heino und Kollegen prägten den Begriff des Relationshoppings, der so wohlkingend-schrecklich mit verstörendster Ironie im Gedächtnis hängen bleibt. Womöglich greift genau das, was viele Leute, die Online-Dating kritisch gegenüber stehen, befürchten: Eiskalt swipe ich mich von Profil zu Profil, sehe die Menschen dahinter eher als Objekte und klappere irgendwelche Parameter ab, die gar keine Rolle für eine funktionierende Beziehung spielen. Das mag zu einer effizienteren Suche führen, aber beim Treffen im echten Leben bleibe ich dann vielleicht dabei, dass mein Date in erster Linie gewisse Kriterien erfüllen muss, anstatt dass ich locker und offen auf diesen neuen Menschen zugehe. Zugegeben ist es ja auch genau das, was Online-Dating so knifflig macht: Eine Menge persönlicher Informationen wie Größe, Gewicht und politische Einstellung lassen sich gut erfassen. Humor und die „Chemie“ zwischen zwei Menschen dagegen lassen sich unweigerlich erst im echten Leben beobachten und sind weit weniger messbar.

Aber es kommt noch schlimmer. Ausgerechnet der Vorteil des Online-Datings, die große Auswahl, könnte uns zum Verhängnis werden. Denn mit Fug und Recht habe ich endlich mal die Gelegenheit zu behaupten: Liebe ist wie Marmelade. Süß und lecker, aber klebt wie sau und irgendwann kann man’s auch nicht mehr sehen.
Nein. Quatsch.
Aber Partnersuche ist durchaus mit Marmeladenkauf vergleichbar. Iyengar und Kollegen stellten Probierstände mit Marmelade in einem Supermarkt auf. Testen konnten die Kunden entweder sechs verschiedene Sorten oder 24. Und obwohl mehr Kunden an dem Stand mit der großen Auswahl stehen blieben, kauften nur 3% der Menschen, die angehalten hatten, um die Marmelade zu begutachten, anschließend ein Glas. Dagegen nahmen 30% der Kunden, die mit der kleineren Auswahl konfrontiert gewesen waren, eine Marmelade mit nach Hause. Nicht nur das: Diese Kunden waren auch im Nachhinein zufriedener mit ihrer Wahl.
Das mag damit zusammenhängen, dass wir bei zu großer Auswahl einfach überfordert sind. Es wäre viel zu anstrengend, bei so vielen Alternativen alle Kriterien einzubeziehen und gegeneinander aufzuwiegen, also beschränken wir uns auf einige wenige Parameter, was zu einer unausgereifteren Wahl führt. Oder einfach dazu, gar nicht zu entscheiden. Und nein, das ist kein Effekt, der allein Marmeladen betrifft; wir entscheiden auch schlechter, wenn wir mit vielen Online-Profilen profitiert sind, aus denen wir einen potenziellen Partner wählen sollen.

Was ist mit der Online-Kommunikation? Es ist doch sicher negativ, hauptsächlich unpersönlich zu texten – Liebe geht schließlich nicht nur durch den Magen (Marmelade!), sondern passt vor allem nicht in eine WhatsApp-Nachricht. Für mich als Hardcore-Texter ein harter Schlag.
Ein wenig computerbasierte Kommunikation vor einem echten Treffen kann aber sogar hilfreich sein. Man ist vielleicht weniger nervös als bei einem persönlichen Kontakt, kann sich (mehr oder weniger überlegt) positiv darstellen – und der andere kann sich schon mal in die „innere Schönheit“ verlieben, was über einen kleinen Placebo-Effekt dann positive Erwartungen für die erste persönliche Begegnung schürt. Wer hätte das gedacht, innere Werte durch das good old internet vermittelt!
Womöglich traut man sich auch ein bisschen mehr. Anekdotische Evidenz: Freunde erzählten mir kürzlich, der virtuelle Kuss-Smiley sei eine prima Sache, um mal vorsichtig den metaphorischen Zeh ins Wasser zu stupsen. Man verschickt einen und wenn einer zurück kommt, dann kann man als nächsten Schritt mal einen echten Kuss probieren. Nicht ganz blöd.
Zu lange sollte es mit dem persönlichen Treffen dann aber nicht dauern, denn irgendwann hat man sich vermutlich eine ganz eigene Vorstellung von der Person am anderen Ende der Leitung gemacht, und die Erwartungen müssen fast schon verletzt werden, wenn man sich dann tatsächlich trifft. Laut Ramirez und Kollegen sollte man nicht länger als zwei bis drei Wochen warten, um die positiven Effekte der Online-Kommunikation noch mitnehmen zu können.
Finkel und Kollegen mahnen jedoch, dass Online-Kommunikation die Interaktion von Angesicht zu Angesicht keinesfalls ersetzt. Wie viele schon intuitiv vermuten, gibt es „irgendetwas“, das immer noch persönlich ausgewertet werden muss. Ob es wirklich passt, sieht man erst im echten Leben.
Ein Moment, der auch mich – um mal wieder hypothetisch zu sprechen – sehr nervös gemacht hat. Entdecken, welche Stimme, welche Gestik und Mimik, welche Ausstrahlung zu der Person gehören, die man sich da zwischen den Zeilen ausgemalt hat, ist aufregend und schön, aber wenn man Pech hat, ist das Bild, was man im Kopf hat, besser als das echte Leben. Nehmen wir für den weiteren Verlauf der Geschichte mal an, dass meine Erwartungen nicht enttäuscht wurden.

Was kann ich mir denn nun von einem 94%igen Match kaufen?

Wir wissen nun schon, dass wir als Menschen ziemlich schlecht darin sind, zu wissen, was wir wollen. Geschweigedenn das unter tausenden von Online-Profilen zu finden. Aber dafür gibt’s doch diese Matching-Algorithmen, richtig? Diese Apps sammeln so viele Daten über uns; wenn Facebook weiß, welche Werbung es mir vorschlagen muss (naja, zumindest meistens …), dann wird OKCupid doch wohl wissen, welcher Partner zu mir passt?
Die Forschung bemüht sich schon seit einer Weile, den Code von erfolgreichen Beziehungen zu knacken und ich bewundere diese tapferen Recken dafür. Tatsächlich können wir ganz nette Vorhersagen um die 80, 90% machen, wenn wir die Interaktion eines frisch verheirateter Paare für einige Minuten im Labor beobachten und das auf die spätere Zufriedenheit in der Partnerschaft bzw. die Scheidungsrate beziehen. Das Problem dabei: Hier wurden erst Paare beobachtet und dann wurden die Variablen identifiziert, die mit der späteren Zufriedenheit korrelieren. Wenn man es andersherum macht, zum Beispiel die Erkenntnisse, die man aus einer Hälfte der Population gewonnen hat, auf die andere Hälfte anwendet, sinkt die Vorhersagequalität deutlich. Die Algorithmen können aber nur genau so arbeiten und büßen zwangweise an Genauigkeit ein.
Hinzu kommt: Nicht umsonst bezieht sich der vielversprechendste Zweig von Beziehungsforschung auf Interaktionen zwischen bereits bestehenden Paaren. Das Verhalten während eines Konflikts, (nicht) angewendete Taktiken zur Deeskalation, aktives Zuhören und derlei Scherze sind wichtig für den Erfolg einer Beziehung, können aber nicht vorab zwischen zwei Menschen, die sich noch nie gesehen haben, erfasst werden. Matching-Algorithmen arbeiten mit mehr oder weniger harten persönlichen Daten, haben mit dieser Art von Beziehungs-Zufriedenheits-Vorhersage also gar nichts zu tun.
Es gibt auch noch eine kleine statistische Gemeinheit in diesem Zusammenhang: Die Scheidungsrate ist generell sehr niedrig. Ohne ein besonders gutes Vorhersage-Modell zu haben, könnte ich einfach mal orakeln, dass keines der Paare sich scheiden lassen wird. Wenn sich von 100 Paaren innerhalb der nächsten sechs Jahre nur eins scheiden lässt, dann habe ich damit zu 99% richtig gelegen, obwohl ich keine Ahnung habe, was Beziehungen „am Laufen“ hält. Ähnlich verhält es sich mit Online-Dating: Aus den meisten Dates wird nichts. Eine hohe Akkuratheit meiner Vorhersage erreiche ich also dadurch, von vornherein ein Scheitern zu vermuten. Das hilft meinem motivierten Dater aber nicht weiter, denn er will ja gerade die seltenen Fälle einer funktionierenden Beziehung finden.

Wir wollen also wissen, was neben der Interaktion noch alles den Erfolg einer Beziehung determiniert. Leider allerhand wenig greifbarer Krempel. Zum Beispiel – wenig überraschend – äußere Umstände. Es spielt eine Rolle, wie viel Stress die Partner jeweils ausgesetzt sind. Unvorhergesehene Ereignisse wie der Verlust des Jobs, plötzliche Krankheit, Todesfälle oder Naturkatastrophen können einer Partnerschaft verständlicherweise übel mitspielen – und selbst der beste Algorithmus kann niemals so abstrakt orakeln. Let’s face it, ein mittelschwerer Orkan kann auch ein 94%iges Match in die Wüste wirbeln. Der Hund blieb mir im Sturme treu, mein Match nicht mal im Winde. Sorry. Ich schweife ab.

Um alles noch schlimmer zu machen muss ich gleich noch ein paar Hoffnungen zerstören, einschließlich meiner. Wie bereits angedeuet gibt es tatsächlich Menschen, die geeigneter für Beziehungen sind als andere. Ja, verdammt, es liegt tatsächlich nicht an dir, sondern an mir! Und ich kann’s beweisen. Da. Persönlichkeit spielt eine Rolle für Zufriedenheit in Beziehungen. Besonders blöd sieht’s aus, wenn man neurotisch ist, also zu negativen Gedanken neigt. Meine übelkeitserregende Sorge über dieses Ergebnis spricht gleich doppelt Bände über meinen Neurotizismus-Score.
Ich kämpfe ja mit viel Pathos gegen alles, was psychoanalytisch ist, aber jetzt muss ich doch mal in die Kindheits-Kerbe schlagen: Wenn die Eltern eine schlechte Beziehung hatten, dann haben die Kinder vermutlich auch Probleme.
Kann mal jemand mein Glas Rotwein halten? Ich brauche beide Hände, um ein Grab für mein 94%iges Match auszuheben. Hypothetisch, versteht sich.
Zum Glück reden wir hier über minimale Anteile der Gesamtvarianz, die sich durch diese Parameter erklären lassen. Einfach gesagt heißt das: Er Einfluss ist so gering, dass wir ihn zwar mit großen Stichproben messen können – aber kriegsentscheidend sieht anders aus. Das ist auch gleichzeitig ziemliches Pech, denn es bedeutet auch, dass Matching-Algorithmen eine wahnwitzige Anzahl an Kleinigkeiten einbeziehen müssten, die für sich genommen alle kaum Gewicht haben. Und teilweise gar nicht wirklich messbar sind.
Wenn man jetzt ein Glas Rotwein mehr getrunken hat, kommt man vielleicht auf die schelmische Idee, die auch Finkel und Kollegen haben: Wenn eine Dating-Plattform bloß Leute zulässt, die gute Kandidaten für eine Beziehung sind, z.B. mit niedrigen Neurotizismus-Scores und mit glücklichen Eltern, dann könnte sie rechtmäßig behaupten, erfolgreichere Beziehungen als die Welt da draußen anzubieten. Leider nur für einen elitären Kreis.

Na gut. Womit könnten wir unseren Matching-Algorithmus denn sonst füttern? Selbst wenn ich ein besonders guter oder besonders schlechter Partner bin, werde ich doch mit bestimmten Menschen eine bessere Beziehung führen können als mit anderen? Was ist mit ähh … Gegensätze ziehen sich an? Nein, äh, warte. Gleich und gleich gesellt sich gern. Wie denn jetzt?
Schon im Studium bringt man mir bei, dass Ähnlichkeit der entscheidende Faktor ist. Diese Theorie hat breite Unterstützung gefunden, ist aber komplizierter, als man zunächst denkt. Geht es um tatsächliche oder wahrgenommene Ähnlichkeit? Sind sich Paare ähnlicher, weil sie sich mit der Zeit ähnlicher werden oder weil sie aufgrund ihrer Gemeinsamkeiten zusammengefunden haben? Spiegelt die wahrgenommene Ähnlichkeit lediglich Beziehungszufriedenheit wieder? Scheinbar hat wahrgenommene Ähnlichkeit in der Tat den größeren Einfluss und außerdem scheinen Gemeinsamkeiten zwar für Attraktivität, aber nicht unbedingt in Langzeitbeziehungen eine Rolle zu spielen.
Dagegen stehen natürlich Ansätze wie beispielsweise die Sache mit dem Neurotizismus. Wenn Neurotizismus an sich schlecht ist, dann sind zwei neurotische Partner trotz Ähnlichkeit in dieser Hinsicht schlechter als ein neurotischer und ein stabiler Partner.
Mal wieder hilft das den Matching-Algorithmen herzlich wenig. Erstens kann wenn überhaupt nur tatsächliche Ähnlichkeit, nicht wahrgenommene Ähnlichkeit gemessen werden. Und bei so vielen Menschen da draußen, die mir alle auf unterschiedliche Weise ähnlich sein können, schränkt das die Auswahl nicht mal unbedingt nennenswert ein. Auch die Statistik schlägt uns wieder ein Schnippchen: Wenn ich auf die erhobenen Fragen die Antworten gebe, die besonders viele Menschen geben, dann habe ich mit den meisten Usern eine größere Ähnlichkeit als Leute, die eher ungewöhnliche Antworten geben.
Schon wieder erklärt (Nicht-)Ähnlichkeit auch nur einen sehr sehr kleinen Teil des möglichen Beziehungserfolges.
Das hilft uns alles nicht weiter.

Irgendetwas muss es doch geben. Gene! Gene sind unbestechlich und gut messbar. Und wegen dieser Gene wollen wir uns schließlich alle fortpflanzen, denn wir wollen unser Erbgut doch weitergeben. Die berühmten T-Shirt-Studien gehören zu meinen Lieblingszweig der Forschung, zumal sie in diesen schnuckeligen Pheromon-Parties resultieren. Die Idee: Manche Kombinationen an Genen bringen z.B. ein stärkeres Immunsystem der Nachkommen hervor. Wie gut ein potenzieller Partner in dieser Hinsicht zu uns passt, sollen wir am Geruch erkennen können. In der Tat ist es ja oft so, dass wir auf Leute stehen, die gut riechen. Oder empfinden wir den Geruch von Menschen, auf die wir stehen, als besonders angenehm?
Wie auch immer, die These, dass wir bestimmte genetische Profile basierend auf dem Geruch bevorzugen, schien lange Zeit vielversprechend, aber in der Übersicht ist alles natürlich viel komplexer und uneindeutiger. Und sowieso ein bisschen ungriffig für ein schnelles Online-Matching.

Fazit: Cat Lady

Erstens stehen (zumindest bestimmte) Dating-Angebote, so gerne ich sie auch nutze, seit meiner Lektüre auf der Liste der Pseudowissenschaftler, die mich so ärgern, weil sie ein völlig falsches Bild von Wissenschaft vermitteln. Matching-Services tun so, als sei der Erfolg einer Beziehung anhand spezifischer Kriterien vorhersagbar – und untergraben so die mühselige, aber schwammige Arbeit der echten Wissenschaftler. Dass die Ergebnisse in der Realität so wenig aussagekräftig sind, dafür können die beteiligten Forscher nichts. Die Sache ist einfach kompliziert und die eine, einfache Antwort gibt es nicht. Dennoch wird jeder Laie, der die vollmundigen Versprechungen von Matching-Agenturen gehört hat, angesichts der wenig nützlichen Ergebnisse der echten Wissenschaft abwertend die Nase rümpfen.

Kann ich über meine persönliche Situation denn mehr sagen?
Wenn ich meinem Neurotizismus mal freie Hand an der Tastatur lasse, dann lautet mein Fazit, dass mein tolles 94%iges Match mir ungefähr so viel hilft wie Rapunzel Extensions nötig hat. Da hätte der Prinz eh blöd geschaut.
Was auch immer diese 94% repräsentieren, Beziehungserfolg ist es ganz sicher nicht. Ich weiß zumindest, wie wir beide zu Sex in einer Kirche und geteilter Zahnbürstennutzung stehen. Würden wir in einer Langzeitbeziehung landen, hätte ich das vermutlich auch so herausgefunden.
Das heißt natürlich nicht, dass das Resultat umgekehrt ein Misserfolg wäre. Wiederum andererseits habe ich laut Forschung wie alle Menschen vermutlich außerhalb meiner Liga gefischt und kann mit dem Resultat jetzt nicht umgehen. Vermutlich waren auch meine Suchstrategien Müll und eigentlich will ich sowieso was ganz anderes; was das ist, ist mir aber selbst ein Rätsel. Und bei meinem Match sollte es nicht anders aussehen. Bis auf die kleine Logiklücke, dass wir nicht beide außerhalb unserer Liga gefischt haben können. Mein Hang zum negativen Denken ist sowieso ein Handicap und am Ende zählen unvorhersehbare äußere Umstände viel mehr als alles andere. Und überhaupt haben wir gelernt: Wenn wir auf das wahrscheinlichste Szenario setzen wollen, sollten wir unser Geld darauf verwetten, dass mein Date nix wird.
Ich spare schon mal für Katzenfutter für meine alten Tage. Viel Katzenfutter.

Ein bisschen Trost für die Nerd-Seele kann ich dennoch zusammenkratzen. So gut wissenschaftliche Vorhersagen auch sein mögen, so wenig können sie für den Einzelfall gelten. Wir sind uns nicht sicher, was eine gute Beziehung vorhersagt, können aber auch nicht 100%ig orakeln, dass es schief geht. Und überhaupt kann die Einstellung, der Partner müsse ein Seelenverwandter sein, damit es klappt, negative Konsequenzen für die Beziehung haben. Und zwar dann, wenn man auf den Trichter kommt, dass der Partner eben kein besagter Seelenverwandter ist. Wenn man dagegen die Einstellung hegt, an einer Beziehung arbeiten zu können, macht es gar nichts, wenn man den anderen nicht für den vom Universum gesandten Idealpartner hält.
Oder, um es mit meinem großen Idol Tim Minchin zu sagen: Wenn ich dich nicht hätte, hätte ich wen anders. (Und wenn ihr in diesem Blog nur einen einzigen Link anklickt, dann sollte es dieser sein! Übrigens sind nicht alle meine Links immer Referenzen zu wissenschaftlichen Papers. Manchmal binde ich auch Memes ein oder Krempel, den ich für witzig halte.) Das ist zum einen beruhigend, weil es heißt, dass es hunderte Partner allein in meiner Reichweite geben sollte, mit denen ich eine zufrieden Beziehung führen könnte. Gar nicht schlimm, wenn es ein paar Mal nicht klappt. Was beliebig klingt, finde ich persönlich sehr hübsch: Das bedeutet nicht, dass der aktuelle Partner austauschbar ist. Ja, es gibt da draußen bestimmt Menschen, mit denen ich noch glücklicher wäre. So what. Ständig nach was Besserem Ausschau halten ist stressig und unökonomisch. Und absolut nicht sinnvoll, wenn ich gerade glücklich bin.
Es ist doch auch viel hübscher jemandem zu sagen: „Schau, es gibt so viele Menschen da draußen, mit denen ich glücklich wäre – aber ich habe mir dich ausgesucht“ – als zu verkünden: „Naja, ich bin mit dir zusammen, weil du mein Seelenverwandter bist – der einzige Mensch auf Erden, mit dem ich so glücklich sein kann und somit sozusagen meine einzige wirkliche Option.“
Beide Fälle sehen sich natürlich dem Problem gegenübergestellt, dass der andere möglichst genau so begeistert von einem selbst sein sollte. Dieses Problem wiederum kann kein Paper und kein Matching-Algorithmus lösen. Und auch wenn ich nicht damit gerechnet habe, diese Frage am Ende meiner Reise beantworten zu können, bin ich doch ein bisschen enttäuscht.

Auch wenn ich – vermutlich – irgendwann schon irgendwie mit irgendwem unterkommen werde, erscheint es mir – und das ist jetzt mal ganz unwissenschaftlich gesprochen – doch wie ein ziemlich großes Ding, Gefühle für jemanden zu hegen und gleichzeitig das Glück zu haben, dass der andere genau so empfindet.
Online-Dating ist nur eine Art der Suche nach dieser Art von unerhörtem Glück, keine Abkürzung und kein Wundermittel. Aber am Ende des Tages auch kein schlechter Weg.
Und so lange mich niemand vom Marmeladen-Stand mitnehmen will (wobei ich ja auch mitkommen wollen muss), tummle ich mich auch gerne weiter auf den einschlägigen Plattformen rum. Tinder-Profile verfassen kann ich ja offenbar gut.

Follow-Up

Update 12.10.2017: Ich weiß, selbst der härteste Fakten-Nerd steht auf persönliche Anekdoten, ob sie nun zur Sachlage beitragen oder nicht. Jedenfalls habe ich auch ein Herz für die Rahmenstory.
Also berichte ich euch, dass mein 94%iges Match sich tatsächlich nach etwa einem Monat als nicht passend herausgestellt hat. Mit etwas Abstand würde ich sagen: beidseitig.
Zwischenzeitlich hat mich aber doch jemand am Marmeladenstand aufgesammelt und mein aktueller Freund (den ich auf Tinder kennengelernt habe) und ich haben herausgefunden: Wir hatten zuvor beide Profile bei OKCupid. Ein Abgleich ergab: Wir hätten sogar ein 96%iges Match gehabt.
Wie oben hinreichend erklärt, sagt das gar nichts. Aber ein charmanter Zufall ist es.

Update 15.02.2018: Irgendwo in Deutschland, Schneeregen. Die Beziehung hält.
Seit über fünf Monaten bin ich mit einer meiner ursprünglichen Tinder-Bekanntschaften zusammen. Ich kann nun also zunehmend mit Fug und Recht behaupten, eine stabile Beziehung online ins Rollen gebracht zu haben. Ein Hoch auf das Neuland!


Quellen und erwähnte Links in Reihenfolge des Erscheinens, Stand 05.06.2017
[1] Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung; Durchschnittliches Erstheiratsalter
[2] Statista – Umfrage zur Dauer der Beziehung vor Heiratsantrag bzw. Verlobung nach Geschlecht 2014 – Umfrage durchgeführt von deals.com und promio.net
[3] NEON.de – Hört auf zu suchen und ihr findet!
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[10] Wikipedia: Tinder
[11] bild.de – Aktuelle Studie – Wollen Tinder-Nutzer wirklich nur Sex? – 27.03.2017
[12] Wikipedia: Lovoo
[13] Wikipedia: OkCupid
[14] me.me – *has slightly stable relationship*
[15] JSTOR daily – Don’t fall in love on OkCupid – OkCupid’s Matching Algorithm Doesn’t Work – 02.2016
[16] Forbes – OkCupid Lied To Users About Their Compatibility As An Experiment – 28.07.2014
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[36] YouTube – Tim Minchin – If I Didn’t Have You – Full Uncut Version – hochgeladen am 23.04.2011