Steile These von Ärzte gegen Tierversuche: Wer Tierversuche durchführt, hat eine pathologische Persönlichkeit. In den Kommentarspalten wird aus „psychopathologisch“ schnell mal „psychopathisch“ und überhaupt sei der Tierexperimentator generell von mangelnder Empathie im klinischen Ausmaß geprägt. Was ist dieses Psycho-Patho-Dings jetzt eigentlich, haben Tierversuchsforscher mehr davon und ab wann wird man vom Tierexperimentator zum Serienmörder? 

Wer, wie, was?

Dieses Video soll Aufhänger dieses Posts sein und ist eigentlich ein reines Audio-Interview unterlegt mit ein paar Bildern. Es wurde auf der Facebook-Seite der Organisation Ärzte gegen Tierversuche (hier die AG München) veröffentlicht und eine Dame namens Christine Müller interviewt Dr. med. Psychotherapeutin Rosmarie Lautenbacher, Mitglied des erweiterten Vorstands der Vereinigung Ärzte gegen Tierversuche. Ein Kernpunkt des Interviews ist die Typologie von Tierexperimentatoren, wie sie von Herbert und Margot Stiller beschrieben wurde. Diese sind die Gründer von Ärzte gegen Tierversuche e.V.

„Dr. med. Psychotherapeutin“ – das bedeutet, Frau Lautenbacher hat Medizin studiert und dann eine Weiterbildung zur Therapeutin gemacht. Sie ist keine Psychologin. Ein Psychologe ist jemand, der Psychologie studiert hat. Er darf dann eine Menge Sachen machen (sich zum Beispiel Psychologe nennen), aber nicht therapieren. Hierfür ist eine zusätzliche Ausbildung nötig. Dann ist man psychologischer Psychotherapeut – darf aber im Rahmen der Therapie keine Medikamente verschreiben. Ärztliche Psychotherapeuten wie Frau Lautenbacher haben zunächst ein Medizinstudium durchlaufen und dann eine Weiterbildung. Mit dieser dürfen sie dann nicht nur therapieren, sondern als Mediziner auch Medikamente wie Psychopharmaka verschreiben. Auch ein Psychiater hat Medizin studiert, nicht Psychologie.
Wer also in Therapie ist, geht zum Psychiater oder zum psychologischen/ärztlichen Psychotherapeuten. Nicht zum Psychologen. Es sei denn natürlich, er geht zum psychologischen Psychotherapeuten, denn der hat ja Psychologie studiert und darf sich entsprechend auch Psychologe schimpfen.
Klar so weit?

Natürlich sagt das nichts über die Kompetenz aus, Menschen zu therapieren. Sowohl über die Psychologie als auch über die Medizin zur Therapie zu gelangen, hat seine Berechtigung. Warum ist mir diese Unterscheidung hier trotzdem wichtig? Psychologen und Mediziner gehen mit einem anderen Schwerpunkt an die Weiterbildung heran. Frau Lautenbacher ist Psychoanalytikerin – eine Therapieschule, die hauptsächlich Medizinern gelehrt wird. Auch als Psychologe kann ich mich für eine Weiterbildung mit diesem Schwerpunkt entscheiden, aber die Psychoanalyse ist bei uns eher verschrien. Milde gesagt.
In meinem Studium ist „Psychoanalyse“ beinahe schon ein Schimpfwort. Wir kommen im Verlauf dazu, warum das so ist.

Es sei allerdings auch gesagt, dass die derzeit von der Krankenkasse übernommenen Therapierichtungen die Psychoanalyse mit einschließen, neben der mit ihr verwandten Tiefenpsychologie und der Verhaltenstherapie.

Psychopath(olog)ie

Noch mal der kleine, gemeine Teufel im Detail. Das Video hat die Überschrift „Psychopathologie von Tierexperimentatoren“. Auch wenn es fast genau so klingt, ist das etwas anderes als „Psychopathie“. Psycho-pathologie beinhaltet „Psyche“ und „Pathologie“, also die Lehre von Krankheiten. Psychopathie setzt sich gemeinerweise aus so ziemlich denselben Wörtern zusammen: „Psyche“ und „pathos“. Letzteres bedeutet „Leiden“. Also die Krankheit der Psyche vs. die Lehre von der Krankheit der Psyche. Von der Wortbedeutung her dasselbe, aber inhaltlich nicht: Während die Psychopathologie alle psychischen Erkrankungen umfasst, beschreibt die Psychopathie lediglich eine einzige und sehr spezifische davon.

Was ist nun Psychopathie? Kurz gesagt eine Persönlichkeitsstörung, bei der den Betroffenen Empathie fehlt. Sie können Handlungen anderer Menschen durchaus nachvollziehen und vorhersehen, aber das Mitgefühl ist nicht vorhanden oder nur sehr gering. Daraus resultiert dann womöglich manipulatives oder antisoziales Verhalten. Man kann sich leicht ausmalen, dass derartige Eigenschaften es einfacher machen, ein Mörder zu sein. Aber: Nicht jeder Psychopath ist gleich ein Mörder. Und nicht jeder Mörder ist ein Psychopath. Wobei der Anteil an Psychopathen unter Gefängnisinsassen höher ist als in der Normalbevölkerung. Und unter Vorstandsmitgliedern, was das anbelangt. Manipulation oder wenig „Gefühlsduselei“ können durchaus erwünschte Eigenschaften von Führungskräften sein – sowie eine gewisse Risikobereitschaft.
Übrigens ist „Psychopathie“ keine Diagnose in den regulär genutzten Klassifikationssystemen ICD-10 und DSM-5.

Der Begriff „Psychopathologie“ dagegen beinhaltet auch Diagnosen wie Depressionen oder Essstörungen. Bloß würde man einen depressiven Menschen auch in der Allgemeinbevölkerung nicht als „Psychopathen“ bezeichnen und einem magersüchtigen Menschen keine Mordgelüste unterstellen.

Wir sehen aber, dass im Interview der Begriff „Psychopathologie“ schnell zur „Psychopathie“ wird und grundsätzlich mit dem Fehlen von Empathie argumentiert wird. Klappern wir einige Aussagen der Reihe nach ab.

Wie kann es sein, dass man Tierversuche macht?

Die Eingangsthese: Tieren wird Schmerz und Leid zugefügt. Das ist natürlich etwas, was niemand von uns tun möchte und den meisten heftig widerstreben dürfte. Wieso tun manche Menschen es trotzdem? Liegt da womöglich eine psychische Störung zugrunde?

Tierversuche werden nicht ohne jegliches Ziel durchgeführt, sondern zu Forschungszwecken. Die gewonnenen Erkenntnisse dienen dazu, menschliche Erkrankungen oder körperliche Prozesse zu verstehen und basierend darauf Behandlungsmethoden zu entwickeln. Man kann natürlich wie Ärzte gegen Tierversuche das tun die Meinung vertreten, dass die Reduzierung menschlichen Leidens es nicht rechtfertigt, Tieren Leid zuzufügen. Aber Erstens bedeuten Tierversuche nicht automatisch maximales Leiden wie Operationen oder die Ansteckung mit tödlichen Erkrankungen. Es gibt durchaus Abstufungen und reine Verhaltensversuche, die für die Tiere völlig schmerzfrei sind.

Zweitens akzeptieren wir die Abwägung zwischen Leid und Nutzen in anderen Bereichen ohne mit der Wimper zu zucken. Meine Ärzte haben mir das ein oder andere Mal teils beachtliche Schmerzen zugefügt, auch wenn die an mir getätigten Eingriffe vergleichsweise läppisch sind, denkt man an Operationen am offenen Schädel, Chemotherapie und Co.
Aber auch wenn ein Chirurg mir zu einer Gelegenheit diverse Löcher in die Bauchdecke geschnitten und auch noch meine Gallenblase mitgenommen hat, würde ich zu anderer Gelegenheit jederzeit auf einer Grillparty mit ihm quatschen. Ich würde nicht davon ausgehen, dass er zu fiesen Gewalttaten fähig ist, bloß weil er es offensichtlich mit sich vereinen konnte, an mir herumzuschnippeln und mir weh zu tun. Jedenfalls hoffe ich, dass mein Zahnarzt keine tieferen sadistischen Fantasien hegt, wenn er den Bohrer zückt.

Es stimmt aber schon, dass nicht jeder Mensch dazu fähig wäre, Chirurg zu werden. Eben weil viele von uns eher unangenehme Gefühle bei dem Gedanken daran entwickeln, mit einem Messer die Eingeweide eines anderen Menschen zu bearbeiten. Es ist tatsächlich sogar denkbar, dass ein paar psychopathische Eigenschaften einen guten Chirurgen ausmachen könnten. Ohne Angst vor den Konsequenzen eines verpatzten Eingriffs ist er vielleicht weniger nervös und arbeitet mit ruhiger Hand seine Operation ab, wobei er sich nicht von Komplikationen aus der Bahn werfen lässt, die andere ins Schwitzen bringen würden.

Muss man also einen Knacks weg haben, wenn man es – zu welchem Zweck auch immer – mit sich vereinbaren kann, einem Lebewesen Schaden zuzufügen?

Klischeekeule Kindheit

Der höhere Zweck der Krankheitserforschung wird im Interview in Frage gestellt und es wird auch behauptet, dass Tierexperimentatoren sich mit der persönlichen Verantwortung und der moralischen Frage der Tierversuche nicht auseinandersetzen. Es kommen auch einige Aussagen über Ethikanträge, den Profit hinter der Tierforschung und Tierversuche in der akademischen Laufbahn vor. Zu all diesen Dingen habe ich Einwände, aber das würde mindestens drei weitere Posts füllen, weswegen ich nur auf die These weiter eingehen werde, dass Menschen, die Tierversuche machen, psychische Defizite aufweisen.

Christine Müller fragt nun also, wie es sein kann, dass man keine Hemmschwelle hat, Tieren etwas anzutun. Keine Hemmschwelle stelle ich wie gesagt in Frage, sondern eher gehe eher von einem Abwägen über das Überschreiten einer Hemmschwelle zugunsten von Erkenntnissen für die Behandlung von Menschen aus, aber sei’s drum.
Wie wird man nun zu einer Person, die freiwillig Tierexperimentator wird?

Frau Dr. Lautenbacher geht zur Beantwortung dieser Frage erst mal zurück in die Kindheit. Das ist natürlich das Klischee, dass uns Psychologen und auch den Psychotherapeuten nachläuft – die Ursache liegt immer in der Kindheit!
Hier kommt Frau Lautenbachers Ausbildung als Psychoanalytikerin zum Tragen. Die Psychoanalyse wurde von Sigmund Freud begründet und sieht problematische Verhaltensweisen in inneren Konflikten begründet. Viele dieser Konflikte finden gemäß der psychoanalytischen Theorien ihren Ursprung in der Kindheit.
Selbstverständlich ist gerade die Kindheit eine prägende Phase und wir wissen auch von sogenannten sensiblen Phasen, in der gewisse Lernerfahrungen mehr Einfluss haben als zu einer anderen Zeit. Schließlich lernt man eine Sprache in der Kindheit unfassbar schnell, während man sich als Erwachsener ewig plagt und dann auch noch den verdammten Akzent einfach nicht mehr los wird.
Aber kann ich meinem Dreijährigen schon ansehen, ob er später mal Tierversuche machen wird?

Lautenbacher beschreibt, dass Kinder aus Neugier manchmal Tieren Schmerzen zufügen. Einfach um zu sehen, was passiert. Dieses Verhalten hält sie bereits für bedenklich und sie findet, dass Eltern hier bereits einschreiten müssen.
Das unterstütze ich voll und ganz. Selbstverständlich muss ich als Elternteil meinem Kind klar machen, dass es die Katze ganz sicher nicht am Schwanz ziehen darf. Die Sache mit Kindern ist nämlich die: Sie haben keinen Schwanz und können sich nicht besonders gut vorstellen, dass das weh tut, wenn man daran zieht. Selbst, wenn sie einen Schwanz hätten, würde ihnen diese Schlussfolgerung womöglich erst mal nicht einleuchten. Denn für Empathie, die das Schwanz-Ziehen verhindern würde, erfordert zwei Komponenten: Eine affektive und eine kognitive.
Die affektive Komponente beschreibt das tatsächliche „Mitfühlen“ von Gefühlen anderer. Die kognitive Komponente beinhaltet das (logische) Nachvollziehen der Perspektive anderer Menschen sowie das Verständnis von Gesichtsausdruck, Gestik und Handlungen, die diese wiederspiegeln. Super beschrieben hier.
Kinder stecken aber noch mitten in der Hirnentwicklung und haben noch nicht (vollständig) die Fähigkeit diesem Perspektivwechsel. Die diebische Freude an Mamas „Aua!“ wenn Baby ihr an den Haaren zieht lässt zwar anderes vermuten, aber tatsächlich fehlen dem Lütten einfach noch die nötigen Synapsen um nachvollziehen zu können, dass das jetzt weh getan hat und deswegen nicht so nett war.

Als Eltern muss man also nicht befürchten, dass der Nachwuchs später mal zum Serienmörder wird, weil er Fliegen Flügel ausgerissen hat. Jedenfalls nicht, wenn das nicht regelmäßig und mit eindeutiger Freude passiert. Was nicht bedeutet, dass man nicht dringend Grenzen aufzeigen sollte, wenn Kinder schlecht mit anderen Lebewesen umgehen. Trotzdem hat aber die systematische Vorgehensweise nach Abwägung allen Leidens und Nutzens eines Tierforschers nichts zu tun mit dem kindlichen Herumprobieren bei noch nicht vollständig entwickelter Empathiefähigkeit.

Einstieg in die Kriminalität

Aber Lautenbacher bezieht sich auch primär auf einen mit Quälerei einhergehenden Sadismus. Die Freude daran, Schmerzen zu bereiten. Sie verweist darauf, dass das Quälen von Tieren mit Gewalttaten gegenüber Menschen zusamemnhängt. So übten sich Serienmörder oft zuvor an Tieren und viele jugendliche Gewalttäter würden zusätzlich auch Tiere quälen.

Und es stimmt. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Tierquälerei und Gewalt gegen Menschen. Febres und Kollegen (2014) fanden heraus, dass 41 % der Männer, die wegen häuslicher Gewalt verhaftet wurden, mindestens eine Misshandlung eines Tieres seit ihrem 18. Lebensjahr begangen haben. In der restlichen Bevölkerung waren es nur 1,5 %. Auch Stupperich und Strack (2016) identifizieren Tierquälerei als Vorstufe zu sadistischen Taten bei Straftätern.
Aber auch die umgekehrte Verbindung gibt es: Misshandelte Kinder quälen häufiger Tiere. Deswegen ist mehrfache und bewusste Tierquälerei unter Kindern auch in jedem Fall ein Warnzeichen.
Hier kann man auch die Frage nach dem großen Ganzen stellen. Werden Menschen zu Tätern, weil sie Tiere quälen? Oder werden sie zu Tätern, weil sie in ihrer Kindheit selbst Gewalt erfahren haben, was dazu führt, dass sie selbst später anderen Gewalt antun – sowohl Tieren als auch Menschen? Der Zusammenhang zwischen Tierquälerei und häuslicher Gewalt sinkt in der Studie von Febres zum Beispiel, wenn Alkohol und Antisozialität statistisch kontrolliert werden. Das legt dann nahe, dass diese beiden Faktoren womöglich der Grund für die Tierquälerei und die häusliche Gewalt sind – nicht allein die Tierquälerei für die häusliche Gewalt. So jedenfalls eine mögliche Interpretation. Bei Korrelationen kann man sich nie sicher sein, welche Variable die Ursache für die andere ist bzw. ob es nicht eine dritte Variable gibt, die beides verursacht haben könnte.
Allerdings kann Misshandlung auf jeden Fall nicht allein der Grund für Tierquälerei sein. So findet die Studie zu den misshandelten Kindern auch, dass längst nicht alle Kinder, die Tiere quälen, auch misshandelt wurden. Mehrheitlich war das sogar nicht der Fall.

Alles in allem ist Gewalt gegen Menschen und Tiere eine zusammenhängende Spirale. Wer Gewalt gegen sich erfahren hat, wird mit höherem Risiko Tieren (oder Menschen) Gewalt antun. Und unter Gewalttätern ist auch der Anteil der Menschen höher, die Tiere gequält haben. Ist die Sorge, dass Tierexperimentatoren an der Schwelle zum Gewalttäter stehen also berechtigt?
Nur dann, wenn wir das sadistische und lustvolle Quälen von Tieren mit kontrollierten Tierversuchen gleichsetzen, deren Zweck der Erkenntnisgewinn, nicht das Leid der Tiere ist. In der Forschung ist das Leid aber eben nicht das Ziel, sondern manchmal unvermeidbare Folge der Versuche. Nach der Logik des Interviews müsste ansonsten auch der genannte Chirurg dringend im Verdacht stehen, später ein Serienmörder zu werden. Immerhin hat er eine sehr regelmäßige Historie, Menschen aufzuschneiden. Wir sind uns aber hoffentlich einig, dass das absolut nicht dasselbe ist wie Menschen zum persönlichen Vergnügen aufzuschlitzen.

Gestörtes Verhalten?

Wie der Zusammenhang mit Tierversuchen sich nun gestalten soll, hören wir weiter im Interview: „Grundsätzlich, wenn’s jetzt um Tierversuchsforschung geht, würde ich schon sagen, es ist ’ne Persönlichkeit vonnöten, die bereit ist, zur Befriedigung eigener Interessen anderen Lebewesen Leid und Tod zuzufügen“.
Dem würde ich sogar zustimmen, wenn man die Entwicklung von Therapien für kranke und leidende Menschen als „Befriedigung eigener Interessen“ definiert. Immerhin ist es tatsächlich eine persönliche Entscheidung, ob man Tierversuche als Preis für medizinischen Fortschritt akzeptiert. Es geht jedoch weiter: „Und man kann annehmen, dass ihr Umgang mit Empathie, mit Selbstreflexion, mit Realität und mit Wahrheit ein gestörter sein muss.“

Steile These. Im Endeffekt sagt Lautenbacher hier, dass eine gestörte Persönlichkeit Voraussetzung ist, um Tierversuche zu betreiben. Dass jemandem Tierversuche zwar widerstreben, er aber nach Abwägung der ethischen Gesichtspunkte und Selbstreflexion zu dem Schluss gekommen ist, dass sie zum Zwecke der Hilfe anderer Menschen vertretbar sind, scheint sie auszuschließen.
Den Widersprüchlichkeit der Aussage spricht aber auch Christine Müller an, die das Interview führt. Immerhin wirken Tierversuchsforscher doch gar nicht so empathielos und haben oft eine Familie und sogar Haustiere.  Das passt doch nicht zusammen? Laut Lautenbacher ist es eben dieser Widerspruch, der auf eindeutige psychische Defizite hindeutet. Jetzt kommen wir zum Kern der Argumentation: Die Schriften von Herbert und Margot Stiller, Gründer von Ärzte gegen Tierversuche und ihres Zeichens Psychoanalytiker. Gemeinsam haben sie das Buch „Tierversuch und Tierexperimentator“ geschrieben, das 1977 erschien.

Es handelt sich dabei um eine „Analyse des Charakters von Tierversuchsexperimentatoren“. Diese stützt sich, so Lautenbacher, auf ein Konfliktverarbeitungsmodell aus der Psychoanalyse. Das stammt von Karen Horney und bezieht sich in keinster Weise auf Tierversuchsforscher. Genau genommen hat sich Horney niemals zu Tierversuchen geäußert. Lautenbacher beschreibt allerdings drei Typen von Menschen, die sich anhand von Horneys Theorien identifizieren lassen: Ein Typ, der Menschen übermäßig und zwanghaft zugewandt ist und ein großes Liebesbedürfnis hat. Ein weiterer, der eine Aversion gegen Menschen hat, machtgierig, aggressiv und perfektionistisch ist. Und ein letzter Typ, der sich von anderen isoliert und eine passive Rolle einnimmt. Dabei sollen diese drei Möglichkeiten, mit Konflikten umzugehen, in jedem von uns generell vorhanden sein, sodass gesunde Individuen auch über die volle Bandbreite aller Typen agieren (können). Ist eine Person aber auf einen dieser Typen beschränkt, wird es gemäß Lautenbacher pathologisch.
Erwähnenswert wäre hier, dass es nach den Diagnosekriterien für psychische Krankheiten keine Störung gibt, die lauten würde: „Verhalten entspricht Typ 1 nach Horney“ oder dergleichen. Horneys Theorie ist erst mal nur ihre Idee, wie Menschen funktionieren. So fängt man in der Regel an und muss sein Modell dann durch experimentelle Arbeiten belegen. Eine solche Persönlichkeitstheorie sind die sogenannten Big Five – fünf Dimensionen, auf denen sich menschliche Persönlichkeit bewegen soll und die in zahlreichen experimentellen Arbeiten und Faktorenanalysen geprüft worden ist. Für Horneys Modell fehlt eine solche gründliche Untersuchung. In einem Buch von Carducci lesen wir (auf Seite 185), dass Horneys Arbeiten empirisch weitestgehend unüberprüft sind. Tatsächlich habe ich eine einzelne Studie gefunden, die die drei Typen Horneys mit den Persönlichkeitsstörungen des Diagnosehandbuchs DSM-4 in Verbindung gebracht hat. Dasselbe Team hat dann auch noch mal nachgelegt und die Reliabilität überprüft, und zwar in welchem Maße ihr auf Horneys Typen basierender Test in sich konsistent ist und bei erneuter Testung zum selben Ergebnis führt. Das sah in dieser einzelnen Studie gut aus, aber selbst die Autoren beschreiben die Ergebnisse als vorläufig und man kann dieses Maß auf jeden Fall noch nicht als etabliert oder empirisch gestützt bezeichnen.

Weiterhin handelt es sich erst mal nur um eine Beschreibung von (gestörten) Persönlichkeitskategorien. Das bedeutet, wir können Leute lediglich danach einordnen, ob sie einer der angenommenen Kategorien entsprechen. Aber nicht erklären, wieso sie so sind, wie sie sind. Natürlich sind solche Typologien immer mit Vorsicht zu betrachten. Ein Mensch, der gerade so in eine Kategorie rutscht, ist einem Menschen in einer benachbarten Kategorie womöglich ähnlicher als einem sehr extremen Typen in derselben Kategorie wie er selbst. Dennoch wird er mit eben jenem extremen Menschen in eine Schublade gesteckt – und der ihm viel ähnlichere Mensch in eine ganz andere. Zu Diagnosezwecken ist es aber durchaus hilfreich, Menschen in Störungskategorien einzuteilen. Wir wissen nun aber noch nicht, ob Tierexperimentatoren tatsächlich einem dieser Typen überhaupt entsprechen.

Nicht mein Typ

Lautenbacher driftet jetzt aber munter ab in wilde Spekulationen. Sie ackert die verschiedenen Typen ab. Der erste, nachgiebige Typ sei unter Tierexperimentatoren nicht allzu häufig zu finden. Einen Satz später setzt sie jedoch bereits an zu erklären, wie eben jener Typ dennoch an Tieren forscht – bis hin zum Sadismus. Diese Menschen sollen zwar freundlich, aber eben unsicher sein, weswegen sie sich von ihrem Chef brav zu Tierversuchen drängen lassen. Die eigene Ohnmacht – immerhin lassen sie sich ja ständig unterbuttern – entlade sich dann allerdings an den noch schwächeren Tieren. Auch den zweiten Typen soll man unter Tierversuchsforschern finden – der mit der Aversion gegen Menschen. Diese aggressiven Menschen sollen Emotionalität als Schwäche empfinden, die ihren Zielen im Weg steht. Entsprechend skrupellos sind sie und brauchen laut Lautenbacher das Machtgefühl, über Menschen und Tieren zu stehen für ihre Stabilisierung. Und natürlich finden wir auch den dritten Typen, der abgewandte Mensch, der hier mit dem Forscher im Elfenbeinturm gleichgesetzt wird. Er sei ohne Emotionen gegenüber Menschen und Tieren, akzeptiere keine verbindlichen ethischen Werte, und habe kein Bedürfnis, mit seiner Forschung etwas für andere zu bewirken.
Alle Typen hätten kein Mitgefühl und stellten zudem unreife Persönlichkeiten dar.
Hier endet das Interview.

Keine einzige dieser Aussagen ist experimentell in irgendeiner Weise überprüft. Schon die zugrunde liegenden Typen nach Horney sind nicht vollständig gesichert, wenn sie sich auch auf die Persönlichkeitsstörungen nach DSM-4 übertragen zu lassen scheinen. Was Lauternbacher hier jedoch erzählt, fußt nicht etwa auf Untersuchungen oder Forschung, sondern stellt einfach Überlegungen dar, die sich jemand über Tierversuchsforscher gemacht hat. Selbst ein Beleg der Existenz der drei Typen rechtfertigt noch nicht die Annahme, dass ausnahmslos alle Tierexperimentatoren (oder zumindest die meisten) psychisch gestört sind. Das ist ein wenig so, als würde man sagen: „Es gibt Depressionen und auch Essstörungen. Wir haben uns überlegt: Wissenschaftler haben bestimmt oft beides.“
Die These kann man natürlich aufstellen – aber dann muss man Belege liefern.

Was sagt die Literatur?

Gibt es denn Hinweise darauf, dass Tierversuchsforscher häufiger an psychischen Störungen leiden? Vielleicht sogar häufiger Psychopathen sind? Häufiger Gewalt ausüben? Immerhin wissen wir ja auch, dass Psychopathie häufiger bei Straftätern auftritt. Dieselbe Untersuchung wäre für (Tier-)Wissenschaftler denkbar.
Bloß: Niemand hat so eine Untersuchung je auch nur annähernd durchgeführt. Basierend darauf können wir die Frage, ob Tierexperimentatoren häufiger psychisch gestört sind als andere Menschen nicht beantworten. Weder in die eine noch in die andere Richtung. Wenn Ärzte gegen Tierversuche also sagen, die Aussage, dass Tierversuchsforscher psychisch gestört seien, stütze sich auf die „Studien“ des Ehepaars Stiller, dann müsste es richtiger heißen: Sie stützen sich auf die Überlegungen des Ehepaars Stiller. So in etwa wie sich die Existenz der flachen Erde auf den Überlegungen einiger Verschwörungstheoretiker begründen ließe.

Da haben sich ein paar Menschen hingesetzt und darüber nachgedacht, ob Tierversuchsforscher nicht gestört sein könnten – und bleiben jeden Beweis schuldig.

Das Problem mit der Psychoanalyse

Die Sache mit den Beweisen ist ein Kernproblem der Psychoanalyse. Viele der Theorien datieren zurück auf Freud, der historisch durchaus eine wichtige Figur war. Sein Annahme unbewusster Prozesse war neu und hat unser Verständnis von Krankheiten und psychischen Prozessen nachhaltig beeinflusst. Auch hat er seinen Teil dazu beigetragen, die übermäßig prüde Haltung im viktorianischen Zeitalter und das Tabuthema Sexualität zu brechen. Leider hatte man es im viktorianischen Zeitalter noch nicht so sehr mit empirischer Überprüfung.
Aus heutiger Sicht ist das meiste von Freuds Aussagen überholt und auch wenn die heutige Psychoanalyse sich seit ihren historischen Anfängen weiterentwickelt hat, bleiben viele Kritikpunkte bestehen. Einer ist zum Beispiel der Vorwurf nicht falsifizierbarer Theorien der Marke „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist“. Um Aussagen zu überprüfen, muss zumindest theoretisch die Möglichkeit bestehen, sie als falsch zu entlarven. Viele weiteren Kritikpunkte betreffen vor allem die psychoanalytische Therapie, aber die ist im Interview ja außen vor.
Die Aussagen von Frau Lautenbacher sind allerdings ein Paradebeispiel für einen sehr existenziellen Vorwurf der Psychoanalyse und der Grund dafür, wieso diese Schule im Kontext des Psychologiestudiums an den meisten Unis furchtbar verrufen ist: Es werden nach eigenem Gutdünken Aussagen und Vermutungen in den Raum gestellt, die nicht belegt oder gar nicht belegbar sind. Bloße Beschreibungen von angenommenen Prozessen, ob plausibel oder nicht, ersetzen keine Untersuchung in der echten Welt. Es wäre sogar relativ einfach, Tierexperimentatoren diverse Fragebögen zu psychischen Störungen (Persönlichkeitsstörungen und Psychopathie/Empathielosigkeit im Speziellen) vorzulegen und so zu überprüfen, ob der Anteil an Auffälligkeiten in dieser Population tatsächlich höher ist. So lange das jedoch nicht geschieht, bleiben die im Interview getätigten Aussagen Spekulationen aus der Ferne.

Am Rande

Eingangs heißt es im Interview: „Wie kann es sein, dass ein Forscher so was macht? Und zwar nicht nur ein Mal ausnahmsweise, sondern wirklich täglich?“

Weil, so absurd das klingt, ein Tierversuch „ein Mal ausnahmsweise“ tatsächlich das wäre, was Ärzte gegen Tierversuche in Tierversuchen generell sehen: unnötig, verschwenderisch und blanker Unsinn.
Ein einzelner Versuch, schlimmstenfalls an einem einzigen Tier und ohne Kontrollgruppe, liefert Daten, die nicht verwertbar sind. Es könnten keine verlässlichen Schlüsse daraus gezogen werden und somit hätte ein Tier für ein paar Zahlen gelitten, die für nichts anderes gut wären als den Schredder.
Die Anzahl der Tiere im Tierversuch ist natürlich auf das absolute Minimum zu reduzieren. Aber nicht so sehr, dass keine statistischen Schlüsse mehr gezogen werden können oder die Reproduzierbarkeit der Befunde in Frage gestellt werden muss. Alles andere wäre in der Tat gedankenlose Quälerei.

In dieselbe Kerbe schlägt die Kritik, dass Forschungsarbeiten grundsätzlich mit dem Satz schließen, dass weitere (Tier-)Versuche in der untersuchten Frage nötig seien. In der Tat lachen wir auch innerhalb der Forschung häufig über diese Floskel, die nicht nur in Tierversuchs-Studien eine Arbeit schließt, sondern auch in Papern über Experimente mit Menschen. Aber wir machen uns nur deswegen lustig, weil der Satz tatsächlich so inflationär vorkommt. Nicht etwa, weil er nicht seine Berechtigung hätte.
Die Phrase ist eine Erinnerung an das, was eigentlich jeder Wissenschaftler wissen sollte: Eine einzelne Studie allein hat kaum Aussagekraft. Erst Replikationen und diverse Methoden und Ansatzpunkte zu ein und demselben Thema verschaffen mit der Zeit einen Überblick und Gewissheit über die Ergebnisse. Wenn weitere (Tier-)Studien gefordert werden, geschieht das also nicht aus Gier oder um eine Maschinerie am Laufen zu halten, sondern aus tatsächlicher Notwendigkeit.


Quellen und erwähnte Links in Reihenfolge des Erscheinens, Stand 26.06.2018

[1] ÄgT Video
[2] Wikipedia – Psychopathie – letzte Änderung am 17.06.2018
[3] Zirkus Empathico – Empathie
[4] Febres, J., Brasfield, H., Shorey, R.C., Elmquist, J., Ninnemann, A., Schonbrun, Y,C,, Temple, J.R., Recupero, P.R. & Stuart G.L. (2014). Adulthood animal abuse among men arrested for domestic violence. Violence Against Women. 20(9):1059-77. doi: 10.1177/1077801214549641.
[5] Stupperich, A. & Strack, M. (2016). Among a German Sample of Forensic Patients, Previous Animal Abuse Mediates Between Psychopathy and Sadistic Actions. J Forensic Sci. 61(3):699-705. doi: 10.1111/1556-4029.13057.
[6] McEwen F.S., Moffitt, T.E. & Arseneault, L. (2014). Is childhood cruelty to animals a marker for physical maltreatment in a prospective cohort study of children? Child Abuse Negl. 38(3):533-43. doi: 10.1016/j.chiabu.2013.10.016.
[7] Psychology Today – Do Mass Killers Start Out by Harming Pets? – 20.02.2013
[8] Amazon – Tierversuch und Tierexperimentator – Herbert Stiller, Margot Stiller
[9] Wikipedia – Big Five (Psychologie) – letzte Änderung 25.06.2018
[10] Bernardo J. Carducci (1996). The Psychology of Personality: Viewpoints, Research, and Applications.
[11] Coolidge, F.L., Segal, D.L., Benight, C.C. & Danielian, J. (2004). The predictive power of Horney’s psychoanalytic approach: an empirical study. Am J Psychoanal. 64(4):363-74.
[12] Coolidge, F.L., Segal, D.L., Estey, A.J. & Neuzil, P.J. (2011). Preliminary psychometric properties of a measure of Karen Horney’s Tridimensional theory in children and adolescents. J Clin Psychol. 67(4):383-90. doi: 10.1002/jclp.20768.
[13] GWUP – Die Skeptiker – Psychoanalyse – letzte Änderung am 18.01.2016