Wie ich bereits anmerkte, ist es nicht leicht, der Psycho in der Familie zu sein. Das trifft vor allem dann zu, wenn es um „alternative Medizin“ geht, ein Thema, das meinen Puls signifikant im Vergleich zu einem Placebo steigen lässt. Das aber andererseits wie in den meisten Familien relativ verbreitet und anerkannt ist. Ich halte es mit dem geflügelten Zitat Tim Minchins in seinem großartigen Gedicht Storm (keine Sorge, es ist ein nettes Comic-Video und Musik dabei): „Do you know what they call alternative medicine that’s been proved to work? – Medicine.“ Meine Familie sieht das natürlich ein wenig anders. „Aber mir hat’s geholfen!“ Ich dagegen führe ins Feld, dass man selbst, als einzelne Person, praktisch niemals wissen kann, ob einem etwas geholfen hat oder nicht. Dabei gebe ich selbst zu, dass das ziemlich irre und potenziell bedrohlich klingt.

Meine Mutter jedenfalls wurde in der Debatte richtiggehend wütend auf mich. Immerhin hat die Akupunktur Oma ihre Knieschmerzen genommen! Und Oma selbst hörte sich meine Ausführungen aufmerksam an und erklärte dann freimütig, dass es völlig egal sei, welche Argumente ich anbringe – sie würde ihre Meinung, dass Akupunktur (bei ihr) wirkt, nicht ändern. So sehr ich eine derartige Haltung im Allgemeinen auch verurteile, so bewundere ich doch, wie meine Oma sich grundsätzlich durch nichts und niemanden irritieren oder gar von ihrem Weg abbringen lässt oder in der Vergangenheit ließ. Mit fast 80 und Knieschmerzen darf man ruhig mal halsstarrige Ansichten im Bezug auf chinesische Märchengeschichten haben. In ihrem speziellen Fall mag in der Tat wenig Schaden durch den Einsatz einer nutzlosen Therapie entstehen und bestenfalls kann sie vom Placebo-Effekt profitieren. Wenn man aber das allgemeine Prinzip betrachtet, dann verursachen wirkungslose Behandlungen durchaus einen Schaden, sei es durch die Finanzierung (über die Krankenkasse), durch das Verbreiten von Bullshit (es gibt Energielinien im Körper, und wenn man die mit Nadeln sticht, passiert irgendwas) oder durch das Verspätete Einsetzen einer lebensrettenden Therapien (verzögerte Krebsbehandlung, weil erst mit Zuckerkügelchen behandelt wurde).
Sowohl meiner Mutter als auch meiner Oma habe ich die sogenannte Regression zur Mitte erklärt. Mit ähnlicher Effektivität, wie Bachblüten herkömmlicherweise in doppelblinden, randomisierten Studien erzielen. Vielleicht stoße ich bei euch auf offenere Ohren. Regression zur Mitte ist ein faszinierender statistischer Effekt, der natürlich nicht allein dafür verantwortlich ist, dass wir wirkungslose Methoden als heilsam wahrnehmen. Aber er spielt eine große Rolle in diesem Prozess.
Aber wie immer der Reihe nach.

Ananas auf Pizza – in der hawaiianischen Sonne

Das ist grundsätzlich mein Standardbeispiel für die Unterscheidung zwischen Meinung und Fakten. Es gibt Bereiche im Leben, da geht es um Meinungen. Und kein Fakt der Welt wird (oder sollte) meinen Standpunkt in diesen Bereichen beeinflussen; was ich denke und fühle, ist und bleibt rein subjektiv und das ist völlig in Ordnung. Hier kommt die Ananas auf der Pizza ins Spiel: Ich kann ein brennender Befürworter von Pizza Hawaii sein. Und das war’s auch schon. Ich muss das nicht begründen, sondern darf einfach sagen: „Mir schmeckt’s:“ Wenn jemand mit der chemischen Strukturformel verschiedener Aromen dagegen hält, die Reifezeit einer Ananas beschreibt oder mit dem historischen Ursprung von Pizza argumentiert – dann macht das gar nichts. Ich mag Pizza Hawaii. Ende.¹
Es steht mir natürlich trotzdem frei, hitzige Debatten darüber zu führen (ooooohhh doch, über Geschmack lässt sich streiten!) und zu versuchen, andere von den Vorzügen von Ananas auf Pizza zu überzeugen. Mein Gegenüber darf aber genau so unempfänglich für Argumente sein, wie ich das bin.
Anders ist es bei der Frage, wo die Sonne aufgeht. Ich kann zwar finden, dass der Sonnenaufgang im Norden stattfindet. Ich kann so fest es nur geht von dieser Meinung überzeugt sein. Aber richtig liege ich damit dann immer noch nicht. Hier gelten nur Fakten: Irgendwer wird einen Kompass haben und mir zweifelsfrei zeigen können, dass der rote Feuerball sich morgens im Osten auf den Himmel schleicht.
Kurzum: Verwechselt Akupunktur nicht mit Pizza Hawaii. Es ist eine Behandlungsmethode wie jede andere auch und somit kann ich eine blinde, randomisierte Studie mit Kontrollgruppe durchführen, die auch sonst nach allen Regeln der Kunst einhält. Und dann komme ich zu einem Ergebnis, nämlich ob der Kram wirkt oder nicht.
Ich gebe zu: Ganz streng logisch betrachtet kann ich selbst wenn die allgemeine Wirksamkeit von Akupunktur eindeutig widerlegt wird nicht schlussfolgern, dass es meiner Oma nicht geholfen hat. Sehr sehr streng genommen könnte Akupunktur für niemanden in der Bevölkerung wirken – außer für meine Oma. Dafür müssten wir aber zum einen Annehmen, dass es einen spezifischen Wirkmechanismus gibt, der nur im Körper meiner Oma stattfindet. Außerdem würde sich dann die Frage stellen: Wollen wir eine Behandlungsmethode fördern und finanzieren, die nur für eine Person (oder eine Minderheit, die man nicht genau bestimmen kann) wirkt?

Stichhaltige Beweise?

Kommen wir somit auch zu der Frage, was Akupunktur den Fakten nach eigentlich kann. Oder nicht kann. Wie macht man so was? Am besten wie die Cochrane-Stiftung: Man schnappt sich alle verfügbaren Studien und schaut sich dann an, ob wenn man alles zusammen wirft ein Effekt zugunsten der Akupunktur raus kommt. Das ist natürlich nicht ganz so leicht, wie es klingt. Es gibt in der Wissenschaft die generelle Tendenz, lieber Forschung zu veröffentlichen, wo auch „was rauskommt„, also negative Ergebnisse unter den Tisch fallen zu lassen. Da sind die Profis leider nicht viel besser als die Laien: Wir stehen einfach drauf, wenn was passiert. Und mit einem Bericht, dass ein bestimmtes Medikament wirkt, lässt sich augenscheinlich erst mal mehr anfangen als mit der Info, dass ein bestimmtes Medikament nicht wirkt – auch wenn diese Info mindestens genau so wertvoll ist bzw. das gesamte Bild benötigt wird, um vernünftige Entscheidungen treffen zu können.
Dann ist da noch die Frage nach einer angemessenen Kontrollgruppe. Wenn wir einfach Akupunktur vs. „gar nichts“ testen, riskieren wir, dass wir einen Effekt finden, der vielleicht gar nichts mit der Akupunktur selbst zu tun hat. Vielleicht tut es den Leuten einfach gut, dass sie einen Arzt besuchen, der sich ihrer annimmt und ihnen Aufmerksamkeit (wenn auch in Form von Nadeln) schenkt? Es könnte auch sein, dass allein die frische Luft und die Bewegung auf dem Weg zur Behandlung einen positiven Effekt haben. Wenn wir Leuten Pillen verabreichen, dann bekommen also ein Teil der Leute eine Pille mit Wirkstoff – und ein anderer Teil erhält ein Medikament, das an sich genau so aussieht, aber den Wirkstoff nicht enthält. Der Behandelte weiß nicht, ob er das Medikament erhält oder nicht. Und im Idealfall weiß derjenige, der die Pillen gibt, das auch nicht.
Im Falle der Akupunktur wird’s ein wenig kniffliger. Man kann schlecht so tun, als würde man jemanden mit Nadeln pieksen – das fällt auf. Die Lösung ist in der Regel, die Nadeln an „die richtigen Stellen“ zu stechen oder sie irgendwo anders zu platzieren, wo sie laut traditioneller chinesischer Medizin keinen Effekt haben sollten. Zumindest jemand, der in Akupunktur ausgebildet wurde, wird aber erkennen, ob er „richtige“ oder „falsche“ Nadeln setzt und dadurch womöglich (unbewusst) das Ergebnis beeinflussen.
Ein anderer wichtiger Faktor ist die Zuweisung der Patienten in Experimental- oder Kontrollgruppe. Wenn ich zum Beispiel die Patienten selbst entscheiden lasse, ob sie Akupunktur erhalten wollen oder nicht, dann habe ich in der Akupunktur-Gruppe nur die Leute, die sowieso eine positive Einstellung zu der Behandlungsmethode haben und sich daher vielleicht einfach bloß besser fühlen, weil sie das erwarten. Klingt trivial. Ist in der realen Durchführung solcher Studien traurigerweise ein viel zu oft ein gemachter (bewusster?) Fehler.
Die Cochrane-Stiftung sammelt also die Ergebnisse der durchgeführten Studien zu einem Thema und bewertet auch deren Qualität, zum Beispiel ob die oben genannten „Spielregeln“ ordentlich eingehalten wurden. Eine sauber durchgeführte Studie trägt logischerweise stärker zum Ergebnis bei als eine unsaubere, die womöglich fehlerbehaftet und verzerrt ist. Schlimmstenfalls eignet sich eine einzelne Studie überhaupt nicht, um Schlüsse daraus zu ziehen.
Für Akupunktur finden wir in der Cochrane-Datenbank fast immer das Fazit: Die Datenlage reicht nicht aus, um etwas aussagen zu können. Sei es wegen zu kleiner Stichproben, zu wenig Studien im allgemeinen oder Designfehlern wie der erwähnten mangelnden Kontrollgruppe. Kleine Auswahl gefällig? Überhaupt gar keine gültigen Schlüsse sind zulässig für Akupunktur im Bezug auf die folgenden Bereiche: Regelschmerzen, Depression, Epilepsie, vaskuläre Demenz, Asthma, Schlaflosigkeit, Schlaganfälle, Kokain-Abhängigkeit … lassen wir das.
Manchmal wurden leichte positive Effekte gefunden (oft nur vom Nadelsetzen an sich, ungeachtet ob „richtig“ oder „falsch“), aber mit dem Zusatz, dass die Datenlage eigentlich gar keine vernünftigen Schlussfolgerungen zulässt oder es sehr wahrscheinlich ist, dass es sich um einen Placebo-Effekt handelt, weil zum Beispiel keine angemessene Kontrollgruppe existierte. Das ist der Fall in folgenden Bereichen: Fibromyalgie, Schlaganfall-Reha, Schizophrenie, Athrose, Ellenbogenschmerzen, Schmerzen bei Endometriose … gut, ich glaube, auch das genügt.
Immerhin wurden auch keine Belege für Nebenwirkungen gefunden. Nicht völlig abwegig bei etwas, das gar keine Wirkung hat. Ja, aufgrund der Tatsache, dass die Datenlage dünn und mies ist, darf man eigentlich gar nicht schlussfolgern, dass es keine Wirkung gibt. Was nicht automatisch bedeutet, dass es eine gibt. Der Beleg dafür wurde nämlich auch alles andere als gefunden.
Man muss an dieser Stelle einwenden, dass Akupunktur bei Rücken- und Knieschmerzen nach einer Pressemitteilung des Bundesausschusses von 2006 von der G-BA als Kassenleistung empfohlen wird. Die Entscheidung basiert auf den German Acupuncture Trials, der GERAC-Studie, die eine Wirkung von Akupunktur in diesen Bereichen berichtet, die die Standardbehandlungsmethode übertrafen. Allerdings wurde diese Wirkung durch die „korrekte“ Akupunktur ebenso erzielt wie durch die „falsche“, bei der Stellen genadelt wurden, die nicht auf den postulierten Meridianen liegen. Nach der Logik des angeblichen Wirkmechanismus der Akupunktur hätte sich so eigentlich gar keine Besserung einstellen dürfen. Die Skeptiker (GWUP) haben eine Liste von möglichen Kritikpunkten zu der GERAC veröffentlicht. Darunter sind unter anderem die schwer umzusetzende Verblindung bzw. die Infragestellung der Motivation der Patienten, die zwar offen gegenüber Akupunktur waren (sonst hätten sie ja nicht an der Studie teilgenommen; immerhin wurde bei der Anmeldung ja zufällig die Behandlung zugewiesen und somit war die grundsätzliche Zustimmung, Akupunktur potenziell zu erhalten, notwendig), dann aber „nur“ die bekannte Standardtherapie erhielten. Die Enttäuschung darüber könnte das Ergebnis beeinflusst haben. Denn ob man „richtig“ oder „falsch“ genadelt wird, vermag man nicht zu unterscheiden – aber ob es eine Schmerztablette oder Nadeln gibt, das merkt man. Gerade (chronische) Schmerzen, die womöglich durch gar kein Mittel (wirksam) zu verbessern sind, sind auf einen Placebo-Effekt nahezu angewiesen.
Mal angenommen, das Ergebnis der Studie ist Buchstabe für Buchstabe in dieser Form haltbar: Dann ist es vor allem eine Kritik an der bisher gängigen Standardmethode und auch die Skeptiker stellen sehr zu recht die Frage, ob denn die Standardbehandlung überhaupt besser als ein Placebo ist.
Deutlich wird jedenfalls so oder so: Der Wirkmechanismus über Meridiane und Co., der von der Akupunktur postuliert wird, ist so nicht haltbar. „Falsche“ Nadeln wirken genau so gut wie „richtige“. Das Mindeste ist also, dass der behauptete Wirkmechanismus überarbeitet wird. Die Erklärung „Placebo“ ist hierbei weiterhin nicht ausgeschlossen und das ist auch gar nicht schlimm. Der Placebo-Effekt ist real. Wir testen nicht gegen ein Placebo, weil wir den Placebo-Effekt abwerten. Wir testen gegen ein Placebo, weil ein Placebo grundsätzlich alles sein kann und (eigentlich) auch sehr billig und ohne großen Aufwand zu haben ist. Sagen wir zum Beispiel, einem Patienten ein paar Zuckerkügelchen zu geben ruft einen genau so großen Placebo-Effekt hervor wie Akupunktur – dann wären die Zuckerkügelchen als weniger unangenehmer Eingriff den Nadeln vorzuziehen. Dagegen spricht, dass krassere Placebo-Eingriffe auch mit größerer Wirkung einherzugehen scheinen. Beispielsweise scheinen Schein-Akupunktur oder sogar Schein-OPs wirksamer zu sein als Schein-Medikation, möglicherweise weil man das Gefühl hat, Nadeln helfen mehr, weil auch während der Behandlung „mehr passiert“.
Der Placebo-Effekt kann also wunderbar eine bestehende Behandlung ergänzen, das Wohlbefinden von Patienten steigern, vielleicht sogar ihre Behandlungsbereitschaft erhöhen und somit zu einer besseren Genesung beitragen. Erst mal spricht nichts dagegen, Placebos zusätzlich zu einer „richtigen“ Behandlung anzuwenden. Zusätzlich, denn Placebos haben natürlich ihre Grenzen. Zuckerkügelchen können die Behandlung meines Beinbruchs erleichtern, aber sie werden den Bruch nicht im Alleingang heilen. Und das ist schon das erste Problem, weswegen ich sage, dass erst mal nichts gegen Placebos spricht. Oft werden „alternative Heilmethoden“ nämlich ausdrücklich als Alternative im Sinne von „Ersatz“ betrachtet. Das bedeutet, sie werden nicht zur Unterstützung einer Behandlung eingesetzt, sondern stattdessen – mit womöglich fatalen Folgen. Das nächste Problem ist eher ethischer Natur: Welche Auswirkungen hat es auf die Vertrauensbeziehung zwischen Arzt und Patient, wenn der Behandelte herausfindet, dass er Arzt ihm ein wirkungsloses Medikament untergejubelt hat? Muss er nun sämtliche vorausgegangene Behandlungen in Frage stellen? Ob es uns geholfen hat oder nicht; wir fühlen uns nicht gern verarscht. Ich als Patientin möchte – obwohl ich um die Macht des Placebo-Effekts weiß – über die (Nicht-)Wirksamkeit möglicher Behandlungsmethoden aufgeklärt sein. Der Witz dabei ist: Es gibt Evidenz, dass Placebos selbst dann wirken, wenn man die Behandelten darüber aufklärt, dass sie ein wirkungsloses Medikament erhalten.

Placebo-Effekt hin oder her, wie kann sich meine Oma so sicher sein, dass Akupunktur ihre Schmerzen im Knie gelindert hat? Immerhin, so sagte sie, sei sie der Sache gegenüber von vornherein skeptisch eingestellt gewesen. Was macht dieser magische Placebo-Effekt? Wie kann eine Behandlung, die angeblich nicht mal einen Wirkmechanismus hat, so scheinbar verlässlich mit verringerten Schmerzen zusammenhängen? Es gibt ganz vernünftige Gründe, warum man zu der Wahrnehmung gelangen kann, eine beliebige Behandlung habe das Wohlbefinden verbessert.

Ab durch die Mitte

Meine Mutter argumentiert: Meine Oma war drei Mal bei der Akupunktur. Drei mal wurde es danach besser. Bei einer Sitzung kann das doch noch Zufall gewesen sein, aber gleich drei Mal? Außerdem, triumphierte sie, sie meine Oma ausgerechnet immer zum Zeitpunkt besonders starker Schmerzen hingegangen – wenn es danach besser wurde, muss das doch erst recht für eine Wirkung der Akupunktur sprechen.
Mir dagegen klingeln bei diesem Stichwort die Ohren. So laut, als würde Pavlov höchstpersönlich mit einer Glocke neben mir stehen. So absurd es klingt: Das Argument der stärksten Schmerzen ist ausgerechnet kein Argument für die Wirksamkeit von Akupunktur, sondern dagegen.

Wieso das denn zur Hölle? Stellen wir uns einen Würfel vor. Die Wahrscheinlichkeit, eine beliebige Zahl, zum Beispiel eine 6, zu würfeln, ist immer 1/6. Wir haben auch vielleicht irgendwann mal gelernt: Diese Wahrscheinlichkeiten sind unabhängig, das bedeutet, es spielt keine Rolle, welche Zahl im Durchgang zuvor geworfen wurde: Die Chance, beim nächsten Wurf eine 6 zu werfen, wird immer 1/6 sein. Das ist manchmal ein wenig schwer zu begreifen, denn immerhin wissen wir auch, dass nach einer großen Anzahl von Würfen die 6 auch zu etwa 1/6 darunter vorkommen wird. Es ist also sehr unwahrscheinlich, dass wir zehn Mal hintereinander eine 6 werfen – dennoch beträgt die Wahrscheinlichkeit in Wurf 11, nachdem wir zehn Mal besagte 6 gewürfelt haben, nach wie vor 1/6.
Obwohl die Wahrscheinlichkeiten für einzelne Zahlen dieselben bleiben, bleibt die Wahrscheinlichkeit für bestimmte Ereignisse aber nicht konstant. Klingt kompliziert, ist aber eigentlich ganz simpel: Sagen wir, wir spielen ein Spiel, bei dem es darum geht, die Punktzahl eines anderen Spielers zu übertreffen. Und zwar mit einem Würfel. Die Regeln: Um zu gewinnen, muss die geworfene Zahl mindestens genau so hoch oder höher sein. Jetzt wird deutlich: Wenn der Spieler vor mir eine 1 würfelt, dann werde ich triumphierend lächeln, wenn ich den Würfel in die Hand nehme. Würfelt er eine 6, gerate ich ins Schwitzen. Denn: Die 1 kann ich nur übertreffen. 6/6 möglichen Würfen führen für mich zum Gewinn. Um gegen die 6 zu gewinnen müsste ich dagegen ebenfalls eine 6 Würfeln – was mir mit einer Wahrscheinlichkeit von 1/6 gelingt. Hätte der Spieler vor mir einen mittleren Wurf, sagen wir eine 4, geworfen, wären meine Chancen relativ ausgeglichen. 1, 2 und 3 führen dazu, dass ich verliere: Chance 3/6, also 50%. Mit einer 4, 5 oder 6 gewinne ich: Chance 3/6, also 50%. Das bedeutet nicht, dass mittlere Zahlen wie die 3 oder 4 häufiger vorkommen. Es heißt nur, dass das Ereignis „kleiner als“ oder „größer als“ unterschiedlich wahrscheinlich ist, je nachdem, welche Zahl vorausgegangen ist.
Fazit: In den Randbereichen gibt es irgendwann keine Luft mehr nach oben oder unten. Es geht nur noch abwärts bzw. aufwärts. In der Mitte dagegen kann eine Menge passieren; in welche Richtung es geht, ist nicht so leicht absehbar.
Übertragen wir das auf das Schmerzempfinden meiner Oma: Sie ist zum Zeitpunkt ihrer stärksten Schmerzen zur Akupunktur gegangen. Konnten die Schmerzen noch schlimmer werden? Wohl kaum. Die einzige Richtung, in die sie sich bewegen konnten, war abwärts. Würde sie ein Schmerztagebuch führen, dann würde ihr auffallen, dass auch Tage starker Schmerzen ohne Akupunktur Tage weniger starker Schmerzen nach sich zogen. Diese beachtet sie aber nicht – das ist ganz natürlich – wenn ich sie nach der Wirksamkeit der Akupunktur frage. Besonders paradox: Würde sie bei einem anderen Extremfall, nämlich, dass sie beinahe schmerzfrei ist, zur Akupunktur gehen, würde sie wohl eine Verschlechterung durch die Akupunktur feststellen. Denn besser als „so gut wie schmerzfrei“ kann es nur schwer werden – schlechter aber sehr wohl.
Aber Momeeeent! Schmerzen sind ja wohl etwas ganz anderes als ein Würfel! Die sind nicht zufällig!
Nicht gänzlich, nein. Aber bereits teilweise zufällig reicht aus, um diesen Effekt zu erzielen. Wir alle wissen, dass unser Wohlbefinden von einer Reihe von Faktoren abhängt. Das Wetter schlägt uns auf die Laune, der Chef, der uns angeraunzt hat, auch. Dann war die Bahn verspätet, unser Handy ist uns aus der Hand gefallen und hat eine Macke abbekommen – all diese Dinge sind wenig kontrollierbar und haben manchmal gar keinen einzelnen Effekt auf die Laune, wohl aber in ihrer Summe oder Interaktion. Das Auftreten dieser Faktoren ist aber mehr oder weniger zufällig, was auch die Schwankungen in der Tagesstimmung in gewissem Maße zufällig macht. Ähnlich ist es mit den Schmerzen. Die Belastung der letzten Tage mag durch schwere Einkaufstaschen höher gewesen sein. Die Wirksamkeit der Tabletten mag durch verspätete Einnahme oder bestimmte Nahrungsmittel herabgesetzt gewesen sein. Ein allgemeines Unwohlsein mag die wahrgenommenen Schmerzen verstärken. Am Ende pendelt nach einem Tag extremer Schmerzen wieder alles zur Mitte – und die Verbesserung schreiben wir dann nicht dem Zufall, sondern der Akupunktur zu.
Hinzu kommt, dass viele Merkmale normalverteilt sind, also nicht gleichförmig wie Würfelergebnisse. Extreme Ausprägungen sind eher selten und mittlere Ausprägungen häufig, so zum Beispiel der Fall bei Intelligenz und einer Reihe von Persönlichkeitsmerkmalen. Das ist die ganz klassische Regression zur Mitte: Hier ist es tatsächlich so, dass mittlere Ergebnisse auch noch häufiger vorkommen als extreme. Wenn das für Schmerzen ebenfalls annähernd der Fall ist, dann ist es umso naheliegender, dass auf einen (sehr unwahrscheinlichen) extremen Schmerzwert ein (deutlich wahrscheinlicherer) moderater Schmerzwert folgt.

Hier wird es allerdings persönlich: Wenn ich das erkläre, dann klingt das so, als würde ich meiner Oma vorwerfen, sie habe sich die Besserung ihrer Schmerzen eingebildet. Was ich allerdings tatsächlich sage ist, dass sie die Besserung ihrer Schmerzen fälschlicherweise der Akupunktur zugeschrieben hat. Gebessert haben sich ihre Schmerzen ja tatsächlich – bloß eben aufgrund von Zufallsschwankungen. Ich gebe zu, ich sollte sensibler an das Thema herangehen. Wenn ich mich in der Diskussion dazu hinreißen lasse, zu sagen: „Aber Oma! Wenn du Knieschmerzen hast und ich dir drei Mal über die linke Schulter rotze und es am nächsten Tag besser ist – dann würdest du doch auch nicht sagen, dass es besser wurde, weil ich meinen Sabber über deine Schulter gefeuert habe!“
Methodenkenntnis: relativ solide. Einfühlungsvermögen: arbeite ich noch dran.
Immerhin kann meine Oma über so was lachen. Und das ist ja bekanntlich eh die beste Medizin. Danke, Oma!


¹Kleine Fußnote, nur damit ihr nervig scrollen müsst: In der Debatte Ananas auf Pizza bin ich gänzlich neutral. Ich muss es nicht haben. Aber wenn man’s mir hinstellt, esse ich es gerne. Das liegt weniger an meiner Bereitschaft, Pizza und Ananas zu kombinieren sondern ist durch die Tatsache konfundiert, dass ich Ananas über alles liebe und vermutlich in jedem Gericht protestlos akzeptieren würde.


Quellen und erwähnte Links in Reihenfolge des Erscheinens, Stand 26.01.2018, 17:43

[1] Ein Glas Rotwein – Der Psycho in der Familie – 14.05.2017
[2] Tim Minchin – Website
[3] YouTube – Tim Minchin’s Storm the Animated Movie – 07.04.2011
[4] Cochrane Foundation – Website
[5] Psiram – Publication Bias
[6] Cochrane – Acupuncture for period pain – 18.04.2016
[7] Cochrane – Acupuncture for depression – 20.01.2010
[8] Cochrane – Acupuncture for epilepsy – 07.05.2014
[9] Cochrane – Acupuncture for vascular dementia – 10.04.2007
[10] Cochrane – Acupuncture for chronic asthma – 25.01.1999
[11] Cochrane – Acupuncture for insomnia – 12.09.2012
[12] Cochrane – Acupuncture for acute stroke – 20.04.2005
[13] Cochrane – Acupuncture for cocaine dependence – 25.01.2006
[14] Cochrane – Acupuncture for fibromyalgia – 31.05.2013
[15] Cochrane – Acupuncture for stroke rehabilitation – 26.08.2016
[16] Cochrane – Acupuncture for schizophrenia – 20.10.2014
[17] Cochrane – Acupuncture for ostheoarthritis – 20.01.2010
[18] Cochrane – Acupuncture for elbow pain – 21.01.2002
[19] Cochrane – Acupuncture for endometriosis – 07.09.2011
[20] Gemeinsamer Bundesausschuss – Akupunktur zur Behandlung von Rücken- und Knieschmerzen wird Kassenleistung – 108.04.2006
[21] german acupuncture trials
[22] GWUP – Die Skeptiker – Die Gerac-Akupunkturstudien – (Skeptiker 1/2005)
[23] Meissner, K., Fässler, M., Rücker, G., Kleijnen, J., Hróbjartsson, A., Schneider, A., Antes, G. & Linde, K. (2013). Differential effectiveness of placebo treatments: a systematic review of migraine prophylaxis. JAMA Intern Med 173(21): 1941-51
[24] Kaptchuk, T. J., Friedlander, E., Kelley, J.M., Sanchez, M.N., Kokkotou, E., Singer, J.P., Kowalczykowski, M., Miller, F.G., Kirsch, I. & Lembo, A.J. (2010). Placebos without deception: a randomized controlled trial in irritable bowel syndrome. PLoS One 5(22)