Nach einem kurzen Instagrambeitrag zum Thema intertemporale Entscheidungen mit dem bekannten Beispiels des Marshmallowexperiments habe ich unabhängig voneinander zwei Hinweise darauf erhalten, dass das Experiment gar nicht repliziert werden konnte. Genau genommen dass Selbstkontrolle in der Kindheit gar nicht mit späterem Lebenserfolg zusammenhängt. Habe ich das übersehen und euch von längst veralteter Forschung erzählt? Nein. Hier also ein kurzer Ausflug in die Entscheidungsforschung.

TL;DR
– Das berühmte Marshmallowexperiment von Mischel zeigte: Kinder, die auf eine Belohnung warten können, sind später auch erfolgreicher.
– Neue Untersuchungen decken aber auf, dass Einflussfaktoren wie sozioökonomischer Status und Intelligenz den Zusammenhang erklären können.
– Die Kritik ist nicht neu: Mischel selbst führte all diese Alternativerklärungen in seiner Arbeit an und mahnte, seine Ergebnisse nicht überzuinterpretieren.
– Das bedeutet nicht das Aus für die Forschung zu Entscheidungen und Belohnungsaufschub: Eine Schlussfolgerung daraus wurde nicht repliziert. Aber die Fragestellungen selbst bleiben gültig. Und werden nach wie vor berechtigt mit Experimenten untersucht, die dem Marshmallowexperiment ähneln.

Rückblick – das Marshmallowexperiment

Im berühmten Marshmallowexperiment stellte Mischel Kinder vor die Wahl: Ein Marshmallow jetzt oder zwei später? Dieses herzerweichende Video zeigt, wie schwierig diese Entscheidung für die Knirpse sein kann. Mischel untersuchte jedoch auch, wie sich die Kinder aus seinen Entscheidungsexperimenten über längere Zeit hinweg entwickelten. Es zeigte sich, dass diejenigen, die bereit waren auf die größere Belohnung zu warten (üblicherweise interpretiert als Selbstkontrolle), später auch erfolgreicher im Leben waren. Mehr akademischer Erfolg, besserer Umgang mit Frustration und Stress. Selbst 40 Jahre später zeigten sich immer noch Unterschiede zwischen den geduldigen und weniger geduldigen Kindern: Den ehemals geduldigen Kindern gelang als Erwachsenen immer noch besser, Reaktionen in einer Experimentalaufgabe zu unterdrücken. Lange Zeit ging man also davon aus, dass erfolgreiche Selbstkontrolle in der Kindheit späteren Erfolg vorhersagte.

Kürzlich aber wurde das in Frage gestellt, denn in Mischels Untersuchung berücksichtigte einen wichtigen Punkt nicht: sozioökonomischen Status als vermittelnden Einfluss. Rechnet man nämlich heraus, aus welchen Verhältnissen die Kinder stammen, verringert sich der Zusammenhang zwischen Selbstkontrolle und späterem Erfolg deutlich. Das heißt: Kinder aus ärmeren Verhältnissen sind später weniger erfolgreich – und Kinder aus ärmeren Verhältnissen wählen auch mit größerer Wahrscheinlichkeit die sofortige Belohnung. Eine mögliche Interpretation: Es ist nicht die Selbstkontrolle, die hier wirkt. Stattdessen denken sich die Kleinen aus schwierigeren Verhältnissen: „Lieber das Marshmallow jetzt – wer weiß, ob es später wirklich zwei gibt!“ und haben später wie wir leider wissen nun mal auch schlechtere Chancen im Leben. Nicht, weil sie nicht warten können – sondern weil auf ihrem Weg einfach einige Steine mehr liegen. Die Kinder aus guten Verhältnissen können es sich „leisten“ auf die zwei Marshmallows zu warten; ein einzelnes Marshmallow hat auch gar nicht so viel Wert für sie. Schließlich befindet sich zu Hause im Süßigkeitenschrank vermutlich eine ganze Tüte davon. Generell haben sie die besseren Karten in der Gesellschaft zugespielt bekommen und werden später bessere Jobs bekommen – aber das liegt nicht daran, dass sie besonders gut auf Marshmallows warten können.

Achtung: Auch das ist natürlich nur eine Interpretation basierend auf Korrelationen – es ist nur eine Deutungsmöglichkeit der Ergebnisse. Sicherlich ist das Thema alles andere als einfach. Aber jedenfalls braucht man sich keine Sorgen zu machen, wenn der eigene Nachwuchs bis zum Hals in der Marshmallowtüte steckt.
Naja, vielleicht schon. Aber dann aus anderen Gründen.

Kognitive Fähigkeiten

Es gibt nämlich noch weitere Aspekte, die den Zusammenhang zwischen späterem Erfolg und der Bereitschaft, als Zwerg auf ein Marshmallow zu warten, erklären könnten. Die Berichterstattung rund um die Kritik am Marshmallowexperiment erwähnt häufig die Sache mit den Verhältnissen, aus denen die Kinder stammen. Watt und Kollegen (die Autoren die versucht haben, die Befunde des Marshmallowexperiments zu replizieren) betonen aber auch die Rolle von generellen kognitiven Fähigkeiten. Es wird nämlich diskutiert, ob es wirklich (nur) Selbstkontrolle ist, die für die Entscheidung benötigt wird, auf das zweite Marshmallow zu warten: Kinder, die Belohnungen aufschieben können, haben nicht nur eine höhere Selbstkontrolle, sondern sind auch intelligenter. Die Debatte, in welchem Maße intertemporale Entscheidungen von Selbstkontrolle und/oder Intelligenz beeinflusst werden und was davon das Marshmallowexperiment eigentlich misst, ist kompliziert und noch lange nicht gelöst.

Es geht nicht nur um Marshmallows

Auch ich nutze gerne das Marshmallowexperiment bzw. die daran angelehnte Ü-Ei-Werbung, um sogenannte intertemporale Entscheidungen zu erklären. Die meisten haben schon davon gehört und mit den kleinen Kindern und den Schokoladeneiern vor Augen wird das Grundprinzip schnell klar: Ein Ü-Ei jetzt oder zwei Ü-Eier später? Intertemporale Entscheidung bedeutet nämlich nur: Wir haben die Wahl zwischen Konsequenzen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten stattfinden werden. Meistens geht es dabei um eine kurzfristige, verhältnismäßig kleine Versuchung (der teure Cocktailabend) versus ein langfristiges Ziel, das uns eigentlich mehr wert ist (der Urlaub, auf den wir sparen wollen). Jetzt gerade mag die kurzfristige Versuchung verlockender sein, aber hinterher ärgern wir uns oft, dass wir nicht an unser zukünftiges Selbst gedacht haben. Hätten wir uns bloß mal zusammengerissen!

Genau diese Reue hinterher ist es, was die Forschung um intertemporale Entscheidungen größtenteils antreibt. Schließlich wäre es kein Problem, wenn wir uns selbstbewusst entscheiden würden, uns die neue Staffel unserer Lieblingsserie am Stück reinzuziehen und dann heldenhaft die schlechte Klausurnote akzeptieren würden, weil das Lernen dafür unter die Räder gekommen ist. Frei nach dem Motto: „Das war’s wert!“ Üblicherweise wünschen uns hinterher aber, wir hätten anders entschieden. Was wir gestern wollten scheint also nicht dasselbe zu sein wie das, was wir morgen wollen. Wie können wir Menschen helfen, Entscheidungen zu treffen, die sie langfristig zufrieden machen? Kann man so etwas üben? Wodurch werden Entscheidungen überhaupt beeinflusst? Gibt es Gruppen von Menschen, die mit dieser Art von Entscheidungsproblem besondere Probleme haben? Welche neuronalen Grundlagen stecken dahinter? Wie erfassen wir den Wert einer Belohnung – und die Wartezeit bis dahin?

Wie man sieht, gibt es eine Menge Fragen, die alle völlig ohne Marshmallows, Ü-Eier oder kleine Kinder auskommen. Das Marshmallow-Experiment ist nur eines von vielen in einem riesigen Forschungsfeld.

Eine Frage von vielen

Genau genommen ist es diese eine Schlussfolgerung des Marshmallowexperiments (dass Selbstkontrolle in der Kindheit zu späterem Lebenserfolg führt), die kritisch ist. Das Experiment für sich – und selbst der beobachtete Zusammenhang – sind es nicht. Erstens ist es durchaus interessant, das Entscheidungsverhalten von Kindern mit dem von Erwachsenen zu vergleichen. Wir wissen zum Beispiel, dass es Kindern schwerer fällt als Erwachsenen, auf das zweite Marshmallow zu warten. Eine übliche Erklärung: Ihr Präfrontalcortex ist noch nicht so weit entwickelt; und den brauchen wir, um unser Verhalten kontrollieren zu können. Jeder von uns wird an dieser Stelle wohl ein recht plastisches Beispiel vor Augen haben, dass Kinder im Allgemeinen impulsiver sind als Erwachsene.

Zweitens muss man anmerken, dass der von Mischel gefundene Zusammenhang existiert: Auch Watts und Kollegen finden eine Verbindung zwischen der Tendenz, „ungeduldig“ die sofortige Belohnung zu wählen auf der einen Seite und späterem Erfolg auf der anderen Seite. Bloß ist dieser Zusammenhang viel kleiner als bei Mischel und die Erklärung lautet nicht: „Selbstkontrolle bedeutet Erfolg!“ Stattdessen wird das komplexe Geflecht von Lebensumständen, Intelligenz und Selbstkontrolle deutlich. Und die schwierige Frage, wo wir intertemporale Entscheidungen in diesem Geflecht überhaupt einzuordnen haben.

Mischel ist cool

Eine Lanze für Mischel sollte man an dieser Stelle noch brechen. Es ist absolut nicht so, als hätte Mischel verantwortungslos geforscht oder Alternativerklärungen außer Acht gelassen. Wer nämlich die Paper von Mischel liest, wird feststellen, dass er sich mit all den hier genannten Punkten intensiv auseinandersetzt: Er erklärt, dass erst durch Replikationen unter unterschiedlichen Bedingungen gezeigt werden muss, ob seine Ergebnisse haltbar sind. Dass seine Stichprobe eingeschränkt war und Einflussfaktoren aus der Umwelt der Kinder eine Rolle gespielt haben könnten. Und den Einfluss von generellen kognitiven Fähigkeiten diskutiert er auch. All das, was jetzt eben als Kritik ins Feld geführt wird. Betrug oder Unbedachtheit kann man Mischel hier wirklich nicht vorwerfen; im Gegenteil hat seine Forschung das Feld voran gebracht, viele Ansätze und Hinweise zur Diskussion geliefert – und die wohl süßeste Veranschaulichung von intertemporalen Entscheidungen geliefert.


Links und Quellen in erwähnter Reihenfolge, Stand 01.03.2019

[1] Instagram – einglasrotwein – 11.02.2019
[2] YouTube – The Marshmallow Test – Igniter Media – 24.09.2009
[3] Shoda, Y., Mischel, W. & Peake, P.K. (1990). Predicting adolescent cognitive and self-regulatory competencies from preschool delay of gratification: Identifying diagnostic conditions. Developmental Psychology, 26(6), 978-986.
[4] Casey, B.J., Somerville, L.H., Gotlib, I.H., Ayduk, O., Franklin, N.T., Askren, M.K., Jonides, J., Berman, M.G., Wilson, N.L., Teslovich, T., Glover, G., Zayas, V., Mischel, W. & Shoda, Y. (2011). Behavioral and neural correlates of delay of gratification 40 years later. Proceedings of the National Academy of Sciences 108(36), 14998-15003.
[5] Watts, T. W., Duncan, G. J. & Quan, H. (2018). Revisiting the Marshmallow Test: A Conceptual Replication Investigating Links Between Early Delay of Gratification and Later Outcomes. Psychological Science, 29(7), 1159–1177.
[6] Duckworth, A.L., Tsukayama, E. & Kirby, T.A. (2013). Is It Really Self-Control? Examining the Predictive Power of the Delay of Gratification Task. Pers Soc Psychol Bull. 39(7): 843–855.
[7] YouTube – Neugier-Test Ü-Ei Spannung – Überraschung Werbung 2012 – WerbAll – 20.10.2012
[8] Green, L., Fry, A.F. & Myerson, J. (1994). Discounting of Delayed Rewards: A Life-Span Comparison. Psychological Science 5(1), 33-36.
[9] Peters, J. & Büchel, C. (2011). The neural mechanisms of inter-temporal decision-making: understanding variability. Trends in Cognitive Sciences 15(5), 227-239.