Menschen sind Herdentiere. Das merkt man spätestens im Internet. Auf Fanpages rottet man sich zusammen und für jeden Themenbereich gibt es auch eine Facebook-Gruppe. In den typischen Gruppen für jede Stadt gibt es neben diversen Verkaufsangeboten von Sperrmüll immer wieder mittelschwere Verbal-Prügeleien über tote Tauben auf unerreichbaren Dächern, Feuerwehr-Einsätze, Hubschrauber (ganz wichtig) und natürlich Flüchtlinge. Dort treffen aber auch sehr unterschiedliche Charaktere aufeinander; homogener sieht es in Gruppen aus, wo die Mitglieder eine Ansicht teilen, nicht nur einen Wohnort. Für oder gegen Impfen, pro oder anti Homöopathie – in jedem „Lager“ gibt es sie. Was macht das mit dem Meinungsaustausch in- und außerhalb dieser Gruppen? Es gibt da ein paar Fallstricke, in die man sich leicht verwickeln kann.

Irgendwann landet man bei dem unverrückbaren Endzustand: Die anderen sind die blöden Mitläuferschafe und nur man selbst bzw. die eigene Gruppe wissen, was wirklich abgeht. Ich habe nie verstanden, wieso ausgerechnet die armen Schafe als Metapher herhalten müssen. Klar, die Wollknäule eignen sich sicher prima als unreflektiertes Publikum einer Kundgebung. Aber ansonsten sind Schafe wirklich coole Socken, finde ich. Trotzdem ziehen wir innerhalb unserer Kreise hinter dem Rücken der anderen Schafe über sie her.

Gruppen sind gerne privat. Vor allem, wenn ich weiß, dass keiner mithören bzw. mitlesen kann, lästert es sich gut. Ich nehme mich da nicht raus: Es macht echt Spaß, über die absurdesten Ideen von Homöopathen oder Flach-Erdlern zu lachen. Ein Witz über Globuli und Diabetes zieht bei mir immer. Das ist natürlich nicht nett. Umgekehrt läuft es aber ganz genau so und natürlich bin ich auch jederzeit bereit, vernünftig mit jemandem zu reden, der das Gefühl hat, Homöopathie hilft ihm. Menschen dagegen, die ernsthaft an esoterische Energien oder Reptiloiden unter der Erde glauben, kann man oft nur mit hilfloser Ironie begegnen.
Lästern ist okay – wir alle tun das und es stärkt unter Umständen auch das gute Gefühl des Zusammenhalts. Ich werde niemandem – mich eingeschlossen – vorschreiben, das mit dem Lästern in Zukunft sein zu lassen. Man sollte bloß von Zeit zu Zeit Abstand nehmen und im Hinterkopf behalten, was das Ziel ist. Wenn ich auf die Meinung der anderen Gruppe nichts gebe, kann es mir egal sein. Aber wenn ich zum Beispiel das Ziel habe, in einen vernünftigen Dialog mit beispielsweise Alternativmedizinern zu treten, darf ich nicht den Eindruck erwecken, sie nicht ernst zu nehmen. Ernst zu nehmen als Mensch, wohlgemerkt. Wenn ich mit einem Kreationisten diskutiere, sollte ich ihm als Person mit Respekt begegnen. Was nicht bedeutet, dass ich Kreationismus selbst als gleichwertige Meinung betrachte, wo eigentlich Evidenz minderer Qualität steht und auf Basis der Fakten diskutiert werden sollte.
Selbst wenn eine Gruppe privat ist, kann es immer passieren, dass „Außenseiter“ mitlesen – Spott auf Facebook ist etwas anderes als der Klatsch am Kaffeeautomaten, der ohne Beweise wieder verschwindet. Das klingt arg paranoid, aber wer sich daran gewöhnt hat, im entspannten Umfeld eine gewisse Haltung einzunehmen, der reagiert womöglich auch im öffentlichen Kommentarfeld etwas spitzer. Respekt geht manchmal nur mit Disziplin – auch mir fehlt die manchmal.

Beim Lästern und auch sonst einer Meinung zu sein tut gut. Es ist also nur verständlich, dass man seine Umgebung in der Regel so wählt, dass einem möglichst wenige krumme Blicke zugeworfen werden. Ich bin schließlich nicht zufällig im Labor gelandet: Noch besser, als sich bei jemandem über eine gemeinsame Abneigung auszukotzen ist es, wenn man morgens durch den Flur stiefelt und beginnt, dem Kollegen über das letzte Ärgernis zu erzählen – und das dann so abläuft:
– „Boah, ich habe da gestern eine Esoterik-Tante getroffen, die tatsächlich behauptet hat, Epigenetik wäre-“
– „Juli. Du brauchst nicht weiterreden. Wir haben dieselbe Meinung.“
Zufrieden breche ich den gerade gestarteten Rant dann ab und widme mich produktiveren Dingen. Es ist natürlich notwendig, von seinem Umfeld ab und an mal kritisch hinterfragt zu werden („Meinst du, das ist eine gute Idee, die Kaffetasse mit Löffel in die Mikrowelle zu stellen?“), aber ganz allgemein fühlen wir uns unwohl, wenn wir der einzige Depp mit einer anderen Ansicht sind.
So unwohl, dass in dem berühmten Experiment von Asch Versuchspersonen sagten, eine deutlich kürzere Linie sei eigentlich die längere im Vergleich zu anderen. Und das nur, weil der Rest der „Teilnehmer“ – alles Strohmänner des Versuchsleiters – zuvor steif und fest behauptete, eine viel kürzere Linie sei die längere. Es geht im Übrigen auch ohne gefakte „Marionetten“, die eingeweiht sind und bewusst beeinflussen. Mori & Arai (2010) konnten den Effekt replizieren, indem sie den Teilnehmern farbige Brillen aufsetzten, sodass für einen Teil der Probanden die eine Linie als länger erschien, für einen anderen Teil eine andere Linie.
Wenn alle anderen das anders sehen als ich – dann muss ich wohl einen Knick in der Optik haben? Oder sie glauben zumindest, dass ich einen Knick in der Optik habe, wenn ich jetzt sage, dass ich das anders sehe. Und hier geht es bloß um eindeutige, klar definierbare Linien. Was, wenn es um weitaus schwammigere und komplexere Themen geht, wo gar nicht auf den ersten Blick erkennbar ist, wer nun Recht hat?

Der Wunsch dazuzugehören macht weitere merkwürdige Dinge mit uns. Im Labor werden allerhand Effekte untersucht, die die „Ingroup“, also die eigene Gruppe, und die „Outgroup“, also die anderen, betreffen. Besonders gern zu Forschungszwecken eingeladen werden Befürworter politischer Parteien oder – Fußballfans. Am Computer müssen sie dann zum Beispiel entscheiden, ob sie Geld für sich behalten oder investieren, um ihrer Gruppe einen Vorteil zu verschaffen. Oder – und das ist die wohl interessanteste Option – ob sie in einen Topf investieren, der der eigenen Gruppe zugute kommt und der anderen Gruppe schadet. Weisel und Böhm (2015) haben hierbei zwei Varianten untersucht: In einer Version konnte „den anderen“ aktiv geschadet werden. In einer zweiten Variante konnte man passiven „Outgroup-Hass“ zeigen, indem man sich gegen eine Investition für die gegnerische Gruppe entschied. Das ist sozusagen der Unterschied, einem Schalke-Fan aktiv ein Bein zu stellen oder aber ihm passiv nicht aufzuhelfen, wenn er am Boden liegt. Wichtig hierbei: Ob man das Geld in den Pool „der eigenen Gruppe helfen“ oder „der eigenen Gruppe helfen und den anderen schaden“ investierte – die Kosten blieben dieselben. In beiden Fällen erhielt die Versuchsperson denselben Geldbetrag, die eigene Gruppe erhielt denselben Geldbetrag – der einzige Unterschied war, dass man „gratis“ der fremden Gruppe schaden konnte (Variante 1) oder eben helfen konnte (Variante 2).  Um das auf unser Fußball-Beispiel anzuwenden:
Ich bin gerade auf dem Weg, um mir ein Bier zu holen. Auf dem Weg treffe ich eine Gruppe gegnerischer Schalke-Fans. In Variante 1 kann ich mich entscheiden, ob ich a) mir selbst zwei Bier hole  b) ob ich für mich und meine drei Kumpels je ein Bier hole (ich habe dann zwar selbst nur ein Bier, aber in der Gruppe haben wir dann sogar drei anstatt zwei Bier) oder c) drei Bier für die Gruppe hole – aber ohne Mehrkosten den drei Schalke-Fans, die am Rand stehen, ihr Bier auch noch aus der Hand schlage. In Variante 2 wird Option c) ersetzt: Ich kann nun drei Bier für mich und meine Freunde holen, aber weil der Veranstalter die Freundschaft zwischen den zwei Fan-Lagern fördern will, gibt es bei meiner Bestellung einen Gutschein dazu. Drei Bier – aber nur für Schalke-Fans. Ich kann den Gutschein nicht für meine Jungs nutzen. Ich habe also nur die Option, ihn ungenutzt verfallen zu lassen oder ihn zu verwenden, um den drei Schalke-Fans am Rand ein Bier auszugeben.

Die gute Nachricht ist, dass wir seltener zu direkten Aggressionen gegen die andere Gruppe neigen. Wir schlagen also nicht so gerne aktiv das Bier aus der Hand. Was jedoch den Bonus für die Gegner angeht, sieht das anders aus. Den unterschlagen wir ganz gerne, wenn wir die Wahl haben. Heißt also: Wir treten nicht gerne zu, aber nicht aufhelfen, wenn jemand am Boden liegt, geht klar.
Allerdings kennen wir auch viel zu viele Beispiele im echten Leben, wo wir durchaus aktiv Menschen schaden, bloß weil sie einer anderen Gruppe angehören. Im Experiment von Weisel und Böhm gab es die Wahl zwischen einer Investition in die eigene Gruppe oder einer Investition für die eigene, aber gegen die andere Gruppe – die Lage mag anders aussehen, wenn wir gar nicht die Wahl haben, ob wir der eigenen Gruppe helfen wollen. Sondern nur, ob wir der anderen Gruppe schaden wollen oder eben nicht. Die kontrollierte Situation im Labor ist sicherlich auch eine andere als die hitzige Atmosphäre in einem kochenden Fußballstadion.
Trotzdem ist es gut zu wissen, dass wir zumindest noch gewisse Hemmungen haben, offen gegen fremde Gruppen zu schießen.

Homogene Gruppen wirken auch als „Meinungsverstärker“. Klassisches Beispiel: Du kommst mit Freunden aus einem Kinofilm und fandest ihn einigermaßen mies. Aber noch erträglich. Alle anderen teilen in etwa diese Einschätzung. Nun äußern sich deine Freunde nach dem Kino entsprechend. „Fand ich jetzt nicht so geil“, sagt Nummer 1. „Stimmt, war nicht so gut wie erwartet“, findet Nummer 2. „Ich mochte die Effekte überhaupt nicht“, steuert Nummer 3 bei. Nummer 3 fand zwar auch die Story ganz überzeugend, aber es scheint richtiger, jetzt ein Argument gegen den Film anzubringen. Und Nummer 4 meint: „Eddie Redmayne war nicht so überzeugend in der Rolle des Newt Scamander.“
Abgesehen davon, dass Nummer 4 an akuter Geschmacksverirrung zu leiden scheint, erfasst du blitzschnell mehr oder weniger unbewusst die Stimmung deiner Herde: Die fanden den Film nicht gut. Keiner hat eine abgrundtiefe Abneigung; einige beziehen sich allenfalls auf Teilkomponenten, aber die generelle Richtung ist klar. Wenn du jetzt smart vor der Truppe aussehen willst, dann formulierst du am besten eine Meinung, die den Kern der Überzeugungen der anderen trifft – aber ihnen noch einen Schritt voraus ist. Auf den Punkt gebracht sozusagen. Da böte sich so was an wie: „Das war ohne Frage der mieseste Film aus dem Potter-Universum.“ Oder sogar: „Der landet definitiv in der Top Ten der schlechtesten Schinken, die ich je gesehen habe.“
Nach dieser Logik stehen die Chancen hoch, dass die anderen dir wiederum zustimmen werden.
Das nennt sich Gruppenpolarisation und führt dazu, dass (homogene) Gruppen zu extremeren Ansichten neigen, als Einzelpersonen das tun würden. Die oben beschriebenen Überlegungen sind nur eine Vermutung, wie es dazu kommen kann. Dass sich Ansichten in Gruppen aber immer weiter hochschaukeln, ist ein bekanntes Problem. Dann sieht der Einzelne die Sache eigentlich gar nicht so eng – aber mit den Facebook-Freunden im Nacken haut er in den Kommentarspalten drauf. Jeder für sich hätte vielleicht mehr Milde walten lassen.

Dazu kommt dann, dass es so unfassbar schwierig ist, zurückzurudern und von der einmal getätigten Aussage Abstand zu nehmen. Ist ein bisschen wie mit Zahnpasta, die zwar easy peasy aus der Tube raus geht, aber nie mehr so schön ordentlich wieder rein. Die drei Worte, die im Leben am schwierigsten über die Lippen zu bringen sind, sind nicht etwa “Ich liebe dich” oder “rechter dorsolateraler Präfrontalcortex”. Sondern “Es tut mir leid.” und vor allem “Ich hatte Unrecht.” Das kratzt irgendwo am Ehrgefühl, da kommt eine Banane kurz vorm Ziel als Führender bei Mariokart gar nicht dran. Vorausgesetzt natürlich, es ist ein ehrliches “Ich habe mich geirrt”, nicht die Art, die man bloß deswegen sagt, damit der andere aufhört, einem auf den Keks zu gehen.
Und wenn man jetzt noch eingestehen muss, dass nicht nur man selbst falsch gelegen hat, sondern die ganze Gruppe? Solange keiner von den anderen zugibt, dass er sich ein bisschen verrannt hat, muss ich das auch nicht tun.

Wer innerhalb einer Facebook-Gruppe eine gegensätzliche Position äußert oder blöd nachfragt und sich damit als unwissend oder zweifelnd offenbart, erntet oft überraschend herben Gegenwind. Gar nicht so leicht, sich gegen die Mehrheit zu stellen – wir haben es an der Sache mit den unterschiedlich langen Linien gesehen. Courage erfordert es auch, aufzustehen und den Rest der Bande darauf hinzuweisen, dass sie mit dem Dorfdeppen gerade vielleicht ein wenig ruppig umspringen. Facebook-Nutzer, die aktiv in Gruppen sind, haben es bestimmt schon mal erlebt: Ein neues Mitglied stolpert rein und tritt sofort in ein paar Fettnäpfchen. Selbst schuld, das Schaf. Der hätte ja auch vorher mal die Gruppenregeln lesen können! Die Bagage stürzt sich drauf, der Attackierte geht in die Offensive, dann wird irgendwer erstmalig ausfallend und schon ist die Mutter von irgendwem im Spiel, die irgendwen nicht genug lieb gehabt hat. Das Finale endet mit dem konstruktiven Vorschlag, man solle doch einfach sterben gehen. Ein häufiger Rat im Internet, mit dem je nach Empfänger nicht zu spaßen ist.

So dramatisch muss es natürlich nicht ablaufen. Die meisten Orte im Internet dürften friedlich sein – die unschönen Ecken fallen bloß eher auf. Auch wenn sich die oberen Absätze teilweise wie die Beschreibung einer Sekte lesen, ist es meistens natürlich nicht damit zu vergleichen. Gruppenprozesse gelten ganz besonders für Sekten und radikale Gruppierungen, aber bloß weil der Prozess der Zellteilung in einem gesunden Körper in verstärktem Maße auch in Krebs abläuft, ist normale Zellteilung noch lange nicht schlecht.
Trotzdem hat sich jeder von uns schon mal in einer Situation wiedergefunden, in der er weniger nett war, als er hätte sein können – primär wegen der Gruppe, der er angehört. Wer von sich (oder seiner Gruppe) etwas anderes behauptet, züchtet Lügenkresse auf allerhöchstem Niveau. Und sollte einfach mal die Kresse halten. (Ja, ich schäme mich für diese Wortspiele, aber ich mag Kresse fast genauso gerne wie Schafe und freue mich über die Gelegenheit, beides in einem Post zu verbinden. In diesem Sinne hier übrigens ein Kresse-Schaf – auf amazon gerade nicht verfügbar, aber man kann ja auch mal selber töpfern.)
Nicht zuletzt, weil ich im Glashaus sitze, will ich niemandem ein Leben auf Kuschelkurs mit Herzchen und Harmonie vorschreiben. Hilft ja niemandem, wenn man sich vor lauter Selbstgeißelung für einen kleinen Seitenhieb ins Unglück stürzt. Trotzdem lohnt es sich, genau zu betrachten, wie homogen die Gruppe ist, in der man so hängt – und was das mit einem macht. Oder mit den anderen. Ein Perspektivwechsel kann helfen – und wenn es nur darum geht, die Argumente der Gegenseite besser zu verstehen und somit besser entkräften zu können. Jedenfalls besser als mit „geh sterben“.
Jetzt muss ich aber aufhören. Meine Herde zieht weiter.


Quellen und erwähnte Links in Reihenfolge des Erscheinens, Stand 01.05.2018, 17:24

[1] YouTube – Sheep Protest! – FREAKING HILARIOUS!! – Haywire TV Digital – 14.08.2013
[2] WDR – Quarks – „Das Asch-Experiment“ – 06.12.2016
[3] Mori, K. & Arai, M. (2010). No need to fake it: reproduction of the Asch experiment without confederates. Int J Psychol. 45(5), 390-7.
[4] Weisel, O. & Böhm, R. (2015). “Ingroup love” and “outgroup hate” in intergroup conflict between natural groups. Journal of Experimental Social Psychology 60, 110-120.
[5] Spektrum – Lexikon der Psychologie – Gruppenpolarisation
[6] amazon uk – Kitchen & Home – Grow your own sheep kress figure