Wie immer fühle ich mich wissenschaftlichen Erkenntnissen rund um Getränke durch den Namen meines Blogs besonders verpflichtet. In den letzten Wochen ist Kaffee durch die Medien gegeistert, weil er sich positiv auf die Gesundheit auswirken soll. Aus ganz persönlicher Erfahrung kennt sich jeder Wissenschaftler und vermutlich auch jeder Journalist mit Kaffee aus. Spiegelt sich das auch in der Berichterstattung wieder?

Andere haben das mit der Antwort auf diese Frage schon erledigt. Der meta Blog hat untersucht, was über das Kaffee-Paper so in den Zeitungen berichtet wird – und wie. Wir sehen hier ein großartiges Beispiel dafür, wie unterschiedlich ein und dieselbe Quelle in die Welt getragen wird. Bei dem Kaffee-Paper gibt es nämlich zwei wichtige Kernpunkte, bei denen es einen riesigen Unterschied macht, ob man sie gemeinsam berichtet – oder nur einen davon.
Der erste lautet: Kaffeekonsum steht in Zusammenhang mit besserer Gesundheit und längerem Leben.
Und der zweite: Das ist aber nur ein Zusammenhang, keine erwiesene Ursache-Wirkungs-Beziehung.

Korrelation und Kausalität – schon wieder?

Jedes Mal denke ich: „Es ist doch langweilig, das mit der Kausalität und der Korrelation zum tausendsten Mal zu erklären. Jeder weiß das. Allen kommt’s zum Hals raus. Ein alter Hut.“
Aber in den Medien ist das immer noch nicht angekommen oder wird bewusst ignoriert. Kausalitäten sind einfach viel spannender und griffiger als Korrelationen. Welche Aussage schlägt mehr ein? a) „Wenn man regelmäßig Kaffee trinkt, kann man damit sein Leben verlängern!“ Oder b) „Scheinbar sind Menschen, die Kaffee trinken, gesünder als die, die das nicht tun. Das muss aber nicht der Kaffee schuld sein, es könnte auch an etwas anderem liegen, das Kaffeetrinker gemeinsam haben.“
Genau.

Auf Basis des Papers darf man aber lediglich b) so stehen lassen. Das bedeutet nicht, dass es nicht tatsächlich der Kaffee schuld sein könnte! Wir können das bloß nicht aus unseren Beobachtungen schließen. Das ist wichtig, denn der Ratschlag, zur Verbesserung der Gesundheit ab jetzt Kaffee zu trinken, mag nicht für jeden etwas taugen. Da Kaffee auch Auswirkungen auf den Blutdruck hat, sollten Menschen, die an Herzkreislauferkrankungen haben, ein Auge darauf haben, ob sie ihn auch vertragen. Man sollte sich also lieber sehr sicher sein, bevor man Kaffee als Wundertrunk ausruft.

Eine sichere(re) Schlussfolgerung könnte man ziehen, wenn man sich eine große Gruppe von Menschen schnappt – am besten welche, die noch nie Kaffee getrunken haben. Vielleicht nehmen wir ein paar Kinder und begleiten sie ihr ganzes Leben lang. Wenn sie in ein gewisses Alter kommen, geben wir der einen Gruppe jeden Tag Kaffee zu trinken und der anderen nicht. Dabei spielt es keine Rolle, ob alle Gruppenmitglieder da auch Bock drauf haben. Wenn wir untersuchen wollen, ob es der Kaffee als solches ist, der die gesundheitsfördernde Wirkung hat oder vielleicht das Ritual der Zubereitung und des Trinkens, dann geben wir der einen Gruppe Kaffee und der anderen Gruppe keinen. Wenn wir spezifisch das Koffein als „Täter“ im Verdacht haben, geben wir der einen Gruppe Kaffee und der anderen „Placebo-Kaffee“, also koffeinfreien. In regelmäßigen Abständen messen wir dann diverse Parameter wie Blutdruck oder Cholesterin oder Gewicht. Und wir protokollieren natürlich, wer über die Jahre hinweg stirbt – und woran.

Alles nur geträumt

Genau das wird aber vermutlich nie passieren. Das Design ist noch relativ simpel und da wurden in so großen Langzeituntersuchungen schon komplexere Sachen veranstaltet. Das Problem hier wäre wohl eher die sogenannte „Compliance“, also die Bereitschaft der Teilnehmer, das Experiment auch mitzumachen. Kaffee ist omnipräsent und hat ein gewisses Lifestyle-Image. Wir gehen „einen Kaffee trinken“ und das meint weitaus mehr als den bloßen Konsum eines Heißgetränks. Es gibt viele Menschen, die behaupten, ohne Kaffee nicht zu funktionieren – und verdammt, wenn meine Freunde erst ansprechbar werden, nachdem sie morgens ihren Kaffee hatten und dabei auch noch so zufrieden seufzen, dann will ich auch welchen! Bloß darf ich nicht, weil ich vor Jahren mal bei dieser blöden Studie zugesagt habe, dass ich- ach, was soll’s!
Umgekehrt natürlich genauso: Schon mal versucht, jemandem Kaffee schmackhaft zu machen, der das Zeug gar nicht mag? Allein schon mal einen überzeugten Mit-Zucker-Trinker überredet, seine Tasse heute mal schwarz zu trinken? Unmöglich. Kaffee ist bitter, Kaffee ist bäh – wer das so sieht, der bleibt dabei. Und wird bestimmt nicht jeden Morgen für die Wissenschaft das Teufelszeug runterwürgen.

Wir können uns natürlich trotzdem den Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und Gesundheit ansehen und Stück für Stück ein Gesamtbild erarbeiten. Das hat die Studie gemacht, über die so eifrig berichtet wurde: Einfach die Gesundheit von Menschen miteinander verglichen, die (von sich aus!) Kaffee trinken oder eben nicht. Gemeinsam mit kleineren Laborstudien oder Kurzexperimenten, wo man Menschen (zufällig) für ein paar Wochen Kaffee trinken lässt (oder genau das verbietet) könnten wir der Antwort auf die Frage, was Kaffee mit unserer Gesundheit macht, immer näher kommen.

Muss man es denn so genau nehmen?

Aber ist es nicht irgendwo egal, ob es nun wirklich der Kaffee ist oder ein anderes Merkmal von Kaffeetrinkern, das die bessere Gesundheit verursacht? Das bedeutet dann doch trotzdem, dass ich vermutlich länger lebe als mein Nachbar, der im Gegensatz zu mir keinen Kaffee trinkt! Immerhin ist es ja wahrscheinlich, dass ich dieses andere Merkmal habe, das mich länger leben lässt, und er nicht.
Wahr. Und auch wieder nicht.
Zum einen, wenn man in der Sprache der Wahrscheinlichkeiten spricht, würden wir durchaus erwarten, dass der Kaffeetrinker die bessere Gesundheit hat. Aber das bedeutet nicht, dass es dem Einzelnen mit Kaffee auf jeden Fall besser geht.
Der eine Fall bezieht sich auf Menschen, die bisher keinen Kaffee trinken und sich denken: „Wenn ich jetzt damit anfange, dann wird es mir besser gehen!“ Vielleicht ist das so und Kaffee hat positive Effekte. Vielleicht aber ist es nicht der Kaffee, der wirkt, sondern der regelmäßige Weg zum Café und die Gespräche mit Freunden dort. Auch dann würde es helfen, mit dem Kaffeetrinken zu beginnen, denn die Sache mit den Cafés und den Freunden würde das dann ja nach sich ziehen. Vielleicht aber ist es nicht der Kaffee, der wirkt, sondern der Umstand, dass Kaffee teuer ist, sich reichere Menschen eher Kaffee leisten können und reichere Menschen eben auch Zugang zu besseren Gesundheitsleistungen haben und daher auch gesünder sind. Wenn nun der arme Mensch anfängt, um der Gesundheit Willen Kaffee zu trinken, wird es ihm nicht besser gehen – denn er erhält ja nicht die Gesundheitsleistungen, die für das Wohlergehen der Kaffeetrinker eigentlich verantwortlich sind. Schlimmer noch: Durch seinen neuen Kaffeekonsum gibt er nun auch noch mehr Geld aus und hat noch weniger – es wird ihm auf lange Sicht schlechter gehen.

Auch für denjenigen, der sowieso schon Kaffee trinkt, könnte die Lage anders aussehen, als er denkt. Vielleicht ist es wirklich der Kaffee, der ihn gesünder macht. Vielleicht ist es der oben beschriebene Zusammenhang über den Cafébesuch. Dann sollte er weiter Kaffee trinken. Vielleicht aber ist er reich und durch die Gesundheitsleistungen geht es ihm besser als (armen) Nicht-Kaffeetrinkern. Eigentlich hat Kaffee aber eine schädliche Wirkung. Würde er nun aufhören Kaffee zu trinken, würde er umso mehr von den positiven Auswirkungen seiner guten Gesundheitsversorgung profitieren – und so noch länger leben als mit Kaffee!

Die Sache mit der Selbstselektion

In unserer Studie aus der Traumwelt haben wir unsere beiden Gruppen zufällig in Kaffeetrinker und Nicht-Kaffeetrinker eingeteilt. So stellen wir sicher, dass alle Merkmale – bis auf den Kaffeekonsum – in etwa gleichem Maße in den beiden Gruppen auftreten. Wenn in der einen Gruppe also reiche Leute sind, die von besseren Gesundheitsleistungen profitieren, dann gibt es in der anderen Gruppe genau so viele davon und keine der beiden Gruppen wird dadurch gesünder sein.
Dieses Beispiel ist natürlich sehr an den Haaren herbei gezogen, aber es gibt durchaus gute Gründe, wieso Nicht-Kaffeetrinker weniger gesund sein könnten als Kaffee-Konsumenten. Eine ganz ähnliche Sache ist bei Naqvi und Kollegen nämlich passiert, als sie 2007 untersucht haben, wie sich ein Hirnschaden (in der Insula) auf das Rauchen auswirkt. Sie untersuchten einige ehemalige Raucher mit Hirnschaden in der Insula und erwarteten, dass diese eher dazu geneigt waren, nach der Insula-Schädigung mit dem Rauchen aufzuhören. Denn die Insula repräsentiert unter anderem körperliche Zustände – und wenn die Vorstellung weg fällt, wie sich der Zug an der Zigarette wohl anfühlen wird, also genau das, was das Verlangen nach ihr ausmacht –  dann sollte auch die Lust auf die Zigarette weg sein. Naqvi und Kollegen hatten aber auch eine Kontrollgruppe von ehemaligen Rauchern, die einen Hirnschaden außerhalb der Insula hatten. Warum das so wichtig ist, zeigt sich in den Ergebnissen: Wurden die Patienten mit dem Insula-Schaden mit deinen verglichen, deren Verletzung woanders lag, zeigte sich kein Unterschied im Anteil der Menschen, die aufgehört hatten zu Rauchen. Hatte die Insula also doch gar keinen Einfluss auf das Rauchverhalten?
Oh doch. Wenn die Versuchspersonen nämlich befragt wurden, wie leicht es ihnen gefallen war, mit dem Rauchen aufzuhören, sah das Bild anders aus. Wenn man sie fragte, ob sie weniger als einen Tag nach der Hirnschädigung die Finger von der Zigarette gelassen haben und ob sie nie wieder einen Gedanken daran verschwendet haben, wieder anzufangen, dann waren es die Insula-Patienten, die seit ihrer Hirnschädigung schulterzuckend auf jeden Glimmstängel verzichten konnten. Den Patienten, die zwar einen Hirnschaden hatten, nicht aber in der Insula, war die Rauchentwöhnung viel schwerer gefallen und sie verspürten auch durchaus noch das Bedürfnis nach einer Zigarette.

Warum also dieselbe Rate an Rauchern, die dem Rauchen abgeschworen haben?
Naja. Wer einen Schlaganfall erleidet und einen Hirnschaden davon trägt, dem wird jeder Arzt dazu raten, das mit dem Zigarettenkonsum in Zukunft besser bleiben zu lassen. Das mag zwar schwer fallen, aber nach so einem Ereignis zieht man den Entzug dann auch durch. Und was steht noch auf der Liste an Substanzen, zu deren Verzicht gern geraten wird, wenn es um (Herz-)Gesundheit und Co. geht? Richtig. Koffein. Zufällig auch in Kaffee enthalten.
Wer also fit ist, trinkt Kaffee und denkt nicht drüber nach. Wer dagegen krank ist, trinkt aus Vorsicht lieber weniger oder gar keinen Kaffee. Dann sind Kaffeetrinker gesünder – aber nicht wegen des Kaffees.
Interessant ist, dass in der Studie auch Effekte von koffeinfreiem Kaffee gefunden wurden. Das legt nahe, dass es zumindest nicht das Koffein ist, das hier die Wirkung vermittelt.

Berichterstattung über die Berichterstattung

Oft wird der Wissenschaft vorgeworfen, sich zu sehr wie ein Fähnchen im Wind zu drehen. Heute verlängert Kaffee das leben, morgen ist er schädlich – was denn nun? Gibt es nicht sowieso zu jedem Thema eine Studie, die das eine beweist und eine andere, die das genaue Gegenteil zeigt?
Es ist sicher auch so, dass Wissenschaftler ihre eigenen Erkenntnisse zu optimistisch darstellen und in der Hoffnung auf mehr Reichweite Schlüsse ziehen, die sie gar nicht ziehen dürfen. Im Kaffee-Paper wird das Problem, dass die Korrelation nicht von der Kausalität getrennt werden kann, ganz offen erwähnt. Es steht sogar in der Pressemitteilung. Kaum zu überlesen. Wer also einen Artikel in einer Zeitung schreibt und diese Information außen vor lässt, der handelt vermutlich bewusst. Und denkt sich, wenn er diese kleine Einschränkung nicht berichtet, dann liest sich der Artikel direkt noch ein gutes Stück knackiger.

Wenn dann jemand in ein paar Jahren herausfindet, dass es wirklich gar nicht der Kaffee war, sondern das Ritual des Trinkens im Café, dann wirkt es nach außen so, als wäre die Wissenschaft erst mit der Behauptung vorangeprescht, Kaffee sei gesund. Um dann zurückzurudern, dass er das doch nicht ist – sondern das Zusammensitzen mit Freunden. Dabei hat das mit dem Kaffee niemand behauptet. Naja, nicht niemand. Bloß irgendwelche Schreiberlinge. Ohne alle Journalisten grundsätzlich als unqualifizierte Schreiberlinge bezeichnen zu wollen. Aber Fit for Fun zum Beispiel lehnen sich mit dem Kaffee als Jungbrunnen schon verdammt weit aus dem Fenster der Seriosität. Und die Süddeutsche erwähnt zwar die Einschränkung mit der fehlenden Kausalität. Aber formuliert es dennoch so, dass Kaffee die Lebenserwartung erhöht. Und dass auch Menschen, die sich um ihr Herz und ihren Blutdruck sorgen, sich keine Sorgen über die Menge des Konsums machen müssen. Das ist nun wirklich keine gute Idee. Fauxpas auch von der interviewten Autorin der Studie, die zitiert wird. Die Ergebnisse böten Sicherheit für alle die, die bisher Kaffee trinken. Wie oben ausgeführt muss das aber nicht unbedingt so sein und von „Sicherheit“ kann hier mit Sicherheit keine Rede sein. In der Süddeutschen klingt es fast so, als sei die Einschränkung, die auch die Forscher nennen, eher falsche Bescheidenheit. Mitnichten.

Es ist kompliziert. Meh.

Es ist also schon wieder etwas unbefriedigend, wenn man sich überlegt, dass wir die Kaffee-Frage vielleicht niemals richtig lösen werden. Das ideale Studiendesign, um diese Frage zu beantworten, ist utopisch. Unheimlich viele Faktoren spielen in der echten Welt zusammen, um sich gemeinsam auf Erkrankungsrisiko und Sterberate auszuwirken. Manchmal spielen sie sogar entgegengesetzte Rollen. Und auch die Frage, ob jemand Kaffee trinkt oder nicht, wird von einer Menge Dinge beeinflusst.
Wer wissen will, ob er Kaffee trinken sollte oder lieber nicht, der kann eine bloße Empfehlung im Maßstab von Wahrscheinlichkeiten erhalten. Ob das für ihn persönlich gilt oder nicht, kann niemand sagen. Und der Effekt mag auch noch so klein sein, dass es kaum eine Rolle spielt.

Sollten wir es deswegen gleich bleiben lassen, mit teurer Forschung solche Dinge zu untersuchen, wenn wir doch sowieso keine Sicherheit damit kaufen können? Auf keinen Fall. Nicht alle Gesundheitseffekte sind so deutlich wie z.B. der von Rauchen. Es lohnt sich aber, auch kleine Zusammenhänge aufzudecken, weil sie auf die Menge der Bevölkerung betrachtet einen Unterschied machen können. Womöglich stoßen wir irgendwann auf etwas, das sogar größere Entdeckungen ermöglicht, z.B. Medikamente, die auf den Wirkmechanismen von Kaffee beruhen. Wir sollten also nicht den Wissensdurst zum Thema Kaffee versiegen lassen. Aber vor allem sollten wir uns nicht davor scheuen, den Lesern da draußen das ganze Bild zuzumuten – Wissensgewinn mit Unsicherheit und Wahrscheinlichkeiten, mit Alternativerklärungen und einer kleinen Prise Skepsis.


Quellen und erwähnte Links in Reihenfolge des Erscheinens, Stand 22.07.2018

[1] meta – Verlängert Kaffeekonsum das Leben? […] Science Media Newsreel 16 – 20.07.2018
[2] Kaffee & Blutdruck: „Wie viele Tassen sind pro Tag erlaubt?“ – Deutsche Herzstiftung
[3] Naqvi, N.H., Rudrauf, D., Damasio, H. & Bechara, A. (2007). Damage to the Insula Disrupts Addiction to Cigarette Smoking. Science. 315(5811): 531–534. doi: 10.1126/science.1135926.
[4] Loftfield, E., Cornelis, M.C., Caporaso, N., Yu, K., Sinha, R. & Freedman, N. (2018). Association of Coffee Drinking With Mortality by Genetic Variation in Caffeine Metabolism: Findings From the UK Biobank. JAMA Intern Med. doi: 10.1001/jamainternmed.2018.2425. [Epub ahead of print]
[5] FIT FOR FUN – Studie: Kaffetrinker leben länger – 03.07.2018 – aktualisiert am 06.07.2018
[6] Süddeutsche – Kaffetrinker leben länger – 04.07.2018