Ein warmes Getränk in der Hand zu halten soll einen auch warmherziger gegenüber seinen Mitmenschen machen. Klingt plausibel und ergibt aus persönlicher Erfahrung heraus Sinn – aber nun ist dieser Effekt in einer Replikation gescheitert. Haben solche medienwirksamen „sexy Befunde“ ein Problem?

TL;DR
In Bezug auf einen Artikel von Jesse Singal für Research Digest:
– William & Bargh berichteten 2008 von dem Effekt, dass ein warmes Getränk in der Hand dazu führt, Mitmenschen mehr „warme“ Eigenschaften zuzusprechen
– Dieser Effekt konnte nun von Chabris und Kollegen nicht repliziert werden
– „Sexy Befunde“, die besonders medienwirksam sind, sind von der Replikationskrise besonders schwer getroffen – ein gemeinsames Problem von Forschern, Medien und Lesern

Alles kalter Kaffee?

Ein weiterer Effekt des sogenannten „social priming“ reiht sich ein in die Liste der gescheiterten Replikationen. Vermutlich hat es der ein oder andere schon gehört: William & Bargh (2008) haben gefunden, dass man anderen Menschen mehr Wärme zuschreibt, wenn man einen Becher mit einem heißen Getränk in der Hand hält. Mit einem warmen Pad in der Hand soll es auch wahrscheinlicher sein, dass man anderen ein Geschenk kauft anstatt das Geld für sich selbst auszugeben. Und wir reden hier nicht von einer Publikation in irgendeinem Hinterhofjournal. Nein, das herzerwärmende Heißgetränk ist ein waschechtes Science-Paper.

Solche Befunde werden natürlich mit Begeisterung durch die Medien gereicht und übertrieben dargestellt. Warme Suppe als Hausmittel gegen Depression? Kaffee und Tee, um soziale Wärme zu verbreiten? Ach, DESWEGEN sind die Briten immer so höflich! Und aus persönlicher Erfahrung wissen wir alle: Hätten wir morgens keinen Kaffee, wäre es sicher schon zu bedeutend mehr Gewalt am Arbeitsplatz gekommen. In diesem Fall schießt auch Bargh selbst in der Interpretation seiner Daten über das Ziel hinaus.

Nun beschreibt Jesse Singal in diesem Artikel für Research Digest, wie Chabris und Kollegen versucht haben, den Effekt des warmen Heißgetränks zu replizieren. Und gescheitert sind. Dabei hatten sie nicht nur die dreifache Stichprobengröße, sondern haben Leute auf der Straße befragt (anstatt nur Studenten zu erheben).

Harte Zeiten für „sexy findings“?

Das alles hat dem heißen Kaffee nichts genützt, und er ist nicht der erste in der Öffentlichkeit beliebte Effekt, der den Bach runter geht. Auch diese Kollegen aus der Sparte „social priming“ haben einer Replikation nicht standgehalten: Dass man langsamer geht, nachdem man Wörter gelesen hat, die mit „Alter“ zu tun haben. Dass der Gedanke an vergangene schlechte Taten die Präferenz für Reinigungsartikel erhöht. Dass der Gedanke an Geld selbstsüchtig macht.

Es mag statistisches Pech gewesen sein, dass sie den Kaffee-Effekt nicht replizieren konnten, merken Chabris und Kollegen an. Das kann nämlich durchaus passieren. Es ist auch möglich, dass der Effekt sich nur unter sehr spezifischen Rahmenbedingungen zeigt. Aber, so erinnert Jesse Singal in seinem Artikel: Was würde das bedeuten? Wem würde das etwas nutzen zu wissen, dass ein Becher heißer Kaffee Studenten in Nordamerika nachmittags nach dem Statistik-Seminar warmherziger macht? Kann man das überhaupt interpretieren?

Die Replikationskrise betrifft jeden Forscher in jedem Feld. Und es geht hier nicht (nur) um Betrug, gefälschte Daten oder schlechte Forschung. Das wäre zu einfach. Statistisches Verständnis, das Publikationssystem, die akademisch Karriere, kluge Experimentaldesigns, clevere Forschungsfragen und am Ende auch individuelle Entscheidungen und Motivationen sind eng miteinander verwoben. Aber: Die Gier nach „sexy“ Befunden ist ein Teil des Problems. Daran sind die Forscher schuld, die versuchen, besonders medienwirksame Forschung hervorzubringen. Daran sind die Medien schuld, die besonders gerne über solche unterhaltsamen Befunde berichten oder sie sogar noch verzerren. Und daran sind auch ein bisschen wir als Leser schuld, die besonders gerne Geschichten über Kaffee lesen, der soziale Wärme erzeugt.


Quellen und Links in erwähnter Reihenfolge, Stand 02.01.2019

[1] Williams, L.E. & Bargh, J.A. (2008). Experiencing Physical Warmth Promotes Interpersonal Warmth. Science, 322 (5901), 606-607 DOI: 10.1126/science.1162548
[2] Research Digest – Now John Barghs Famous Hot Coffee Study Has Failed To Replicate – Jesse Singal – 02.01.2019
[3] Chabris, C., Heck, P., Mandart, J., Benjamin, D. & Simons, D. (2018). No Evidence that Experiencing Physical Warmth Promotes Interpersonal Warmth: Two Failures to Replicate Williams and Bargh (2008). Preprint at PsyArXiv. Accepted for publication at Social Psychology.