Ich bin ein großartiger Partygast. Insbesondere, wenn es um Familienfeiern geht.

Willkommen also auf meiner ganz persönlichen Reise durch Tante Hildes Geburtstagsfeier, oder um es weniger metaphorisch auszudrücken: Die Welt der Pseudowissenschaften und der Wissenschaftskommunikation. Beide Themen driften nämlich, so scheint es mir, auf Familienfeiern ihrem katastrophalen Höhepunkt entgegen; umso drastischer mit steigendem Alkoholkonsum. Sobald ich das durch die Ethikkommission gebracht habe, kann ich sicher auch experimentelle Daten zu dieser Behauptung liefern.

Auf Zusammenkünften dieser Art gerate ich jedenfalls sehr häufig zwischen die Fronten, ob ein Glas Wein am Tag das Krebsrisiko nun erhöht oder nicht, ob Kartoffeln nun „schlimmere“ Kalorien haben als Nudeln, ob Homöopathie besser ist als die Schulmedizin, ob Ausländer sowieso alle kriminell sind, ob Homosexualität natürlich ist und ob der liebe Gott weint, wenn man Spinnen mit dem Staubsauger aufsaugt. Ich wünschte, ich hätte mir diese Themen ausgedacht.

Mit einer wissenschaftlichen Grundbildung wären die meisten der Tante-Hildes-70ster-Diskussionen zwar sowieso hinfällig, aber falls man doch darüber streiten wollte, könnte man sich geeignete Messmethoden überlegen, Daten sammeln und vergleichen und den Disput damit klären. Zumindest innerhalb gewisser Grenzen. Oder man greift auf bereits vorhandene Forschung zurück und argumentiert dann allenfalls noch über die Qualität oder Relevanz der Quelle.
So weit kommt es bei Tante Hilde natürlich nicht, denn wir scheitern schnell an mentalen Straßensperren wie „Das ist aber so“ (Gott, Homosexualität, Ausländer), „Bei mir war das aber so“ (Homöopathie, Kalorien) oder „Die Forscher ändern doch sowieso jeden Tag ihre Meinung“ (Rotwein. Ganz besonders Rotwein). Garniert werden diese Gerichte, die meinen Magen stets mehr aufwühlen als Tante Hildes reichliches Nahrungsangebot, stets mit einer Portion: „Wer heilt, hat Recht“ oder „Das ist eben meine Meinung“ oder „Daten, Zahlen und Fakten sind nicht alles im Leben“.
Beherzt antworte ich mit einem energischen „Jein“. Oder, wenn auch stets die groben sozialen Normen achtend, mit einem resignierten „Das ist Bullshit“. Und wann immer das der Fall ist, wird’s einen Blogeintrag dazu geben.

Das Glas Wein im Blogtitel bezieht sich zum einen auf den gefühlten Lieblingsauslöser von Gedeih und Verderb, das Glas Wein am Tag/Abend/Fuße des Kilimandscharo. Ich schwöre euch, das ist das einzige Mal, dass ich euch mit gefühlter Statistik behelligen werde, zur Einstimmung aber eine kleine Auswahl …

WELT – 07/09/2016 – Das tägliche Glas Wein ist unsinnig, ggf. sogar schädlich
FOCUS – 01/05/2016 – Das tägliche Glas Wein ist gesund, womöglich sogar eine ganze Flasche
SPIEGEL – 11/02/2015 – Der Schluss, dass das tägliche Glas Wein gesund ist, beruht auf dilletantischer Statistik
Ärzte Zeitung – 10/06/2016 – Ein Glas Wein am Tag ist optimal und erhöht zwar das Brustkrebsrisiko, schützt aber vor Herzkreislauferkrankungen — schöner Userkommentar übrigens unter dem Artikel
EatSmarter – Ein Glas Wein am Tag ist gesund – mit blumigen Erklärungen, warum
Süddeutsche Zeitung – 04/01/2017 – Vor- und Nachteile wiegen sich auf

Wenn man das so liest, liegt tatsächlich die Vermutung nahe, dass die Frage nach wie vor sehr offen ist. Ich gestehe jedoch: In meiner Aufzählung war ich bewusst selektiv. Ich habe darauf geachtet, etwa gleich viele Artikel zu jeder Meinung aufzulisten, um eine ausgewogene Lage der Debatte darzustellen. Tatsächlich erwähnten die meisten Artikel aber, dass die positive Wirkung eines Glases Rotweins bestenfalls unsicher sei und dass es, vor allem beim Überschreiten des moderaten Konsums, auch Risiken gäbe. Einige erwähnten sogar statistische Unsauberkeiten in den Studien oder die mangelnde Übertragbarkeit von Ergebnissen in Zellkulturen oder korrelativen Studien.

Aber bereits meine Suchparameter (die ich bisher gar nicht spezifiziert habe), waren beeinflusst. In die Google-Suchleiste habe ich glas wein gesund eingegeben. Es mag gut sein, dass ich also häufiger bei Artikeln lande, die ein Glas Wein befürworten, als wenn ich glas wein ungesund eingegeben hätte. Je nachdem, welche Ansicht Onkel Paul bei Tante Hildes Geburtstagsfeier hat, wird er die Suchmaschine auf dem Handy mit unterschiedlichen Schlagwörtern füttern.

Hinzu kommt, dass all diese Artikel sich (im besten Falle) lediglich auf Original-Forschungsarbeiten beziehen. Das ist auch gut so, denn erstens will ich als Leser ja einen Überblick bekommen und mich nicht durch zig seitenlange Studien mit Daten und Referenzen wühlen, zweitens habe ich als Normalsterblicher auch gar nicht unbedingt Zugang zu den Originalstudien (dafür muss man zahlen, sofern das nicht eine wissenschaftliche Einrichtung, z.B. eine Uni, für einen tut) und drittens verstehe ich als unbedarfter Leser vielleicht gar nicht, was da in dieser Studie steht. Sei es, weil sie auf Englisch verfasst ist oder sei es, weil ich mit den methodischen Hintergründen nicht vertraut bin. Selbst als fachfremder Wissenschaftler kann ich zwar universelle methodische Mängel (wie z.B. eine fehlende Kontrollgruppe) erkennen, aber ob der Kollege aus der Biologie eine angemessene Methode für den Nachweis eines bestimmten Bakteriums in seiner Petrischale verwendet hat, kann ich als theoretischer Physiker unmöglich sagen.
Wenn ich also auf Tante Hildes Geburtstag sitze und Google mit meiner Frage füttere, dann muss ich mich darauf verlassen, dass die Journalisten der jeweiligen Magazine einen guten Job gemacht haben. Immerhin gibt es spezialisierte Wissenschaftsjournalisten, die in Dingen wie Methodik, Experimentaldesign und Statistik zumindest rudimentär geschult sein sollten. Bloß ist es nicht immer diese speziell ausgebildete Zunft, die die Artikel zum Thema Wissenschaft verfasst und jeder „normale“ Journalist steht zum größten Teil vor denselben Problemen wie seine Leser, wenn es um die wissenschaftliche Recherche geht.
Zwar mag beispielsweise eine Beleuchtung der Thematik von beiden Seiten („Studien“ und „Gegenstudien“) dem Leser als durchdacht erscheinen, lässt aber womöglich außer Acht, dass in der Realität die überwältigende Mehrheit der qualitativ hochwertigen Studien das eine sagt – und eine kleine Minderheit methodisch fragwürdiger Untersuchungen etwas anderes behauptet. Selten wird aber überhaupt auf die Methodik eingegangen, sondern lieber die Ergebnisse gegenübergestellt.

Dabei bin ich mir sicher, dass es dem Leser helfen würde, ein paar methodische Eckdaten zu kennen. Man könnte Kindern schon in der Schule beibringen, dass Korrelation nicht gleich Kausalität ist, dann wäre es nicht so schwierig, erwachsenen Menschen zu erklären, dass die Daten einer korrelativen Studie nur mit Vorsicht genossen werden können.

Wenn wir also das Problem mit dem Rotwein lösen wollen, dann brauchen wir mehr wissenschaftliche Basics in Schulen und mehr spezialisierte Wissenschaftsjournalisten. Nichts gegen Tante Hilde, aber ich finde, es wird Zeit für einen mentalen Generationswechsel.