Frisch aus der Anstalt

Ein Glas Rotwein braucht auch mal Urlaub und wie sich das für Rotwein gehört, fand der natürlich in Italien statt. Und wenn man schon mal im Norden im Labor Kollegen über die Schulter schauen darf, dann ist auch noch ein Katzensprung nach Venedig drin. Selbst dort kann man wenn man ein wenig gräbt den Psycho raushängen lassen und einen Trip zu der ehemaligen „Irrenanstalt“ auf die Insel San Servolo machen. Weiß bloß kein Schwein.
Daher – whoop, whoop, clickbait! – sie folgte einem Geheimtipp nach Venedig, doch was sie dann erlebte, hat sie völlig überrascht!

Verschmähte Attraktion

Fesselnd, könnte man sagen. Ohne wirklich wirksame Therapien wohl der einzige Ausweg.

Psychiatrische Einrichtungen haben selbst in modernen Zeiten etwas Verruchtes an sich und flößen vielen Menschen Misstrauen oder sogar Angst ein. Groß ist die Sorge, zu Unrecht die geistige Gesundheit abgesprochen zu bekommen und für immer „weggesperrt“ zu werden. Hilflos wird man dann mit Medikamenten „zugedröhnt“, um keinen Widerstand mehr zu leisten – so zumindest der Stoff, aus dem an Verschwörungstheorien grenzende Albträume gemacht sind.
Die Sorge kommt nicht von ungefähr. Die Behandlung psychischer Erkrankungen hat einen langen Weg hinter sich, und der war zu Anfang deutlich holpriger als wir ihn heute kennen. Filme und Videospiele aus dem Genre tun ihr Übriges. Eine verlassene Anstalt, in der Patienten misshandelt wurden. Ein Haufen naiver Teenager, ein plattes Klischee pro Nase. Eine Handkamera. Mehr braucht es nicht.
Sex sells, aber Verfehlungen der menschlichen Psyche tun das fast ebenso gut. Dachte ich. Umso überraschter war ich, dass wir ganze sechs Mann waren, die das „museo del manicomio“ (mit dem Titel „Wahnsinn weggesperrt“) an diesem Nachmittag sehen wollten. Unser Guide Luigi vermutete, dass es daran läge, dass das Museum eben eher ein Nischen-Thema bediene. Daher kämen hauptsächlich Leute mit dem entsprechenden Hintergrund (wie ich mit Neurowissenschaften und Psychologie) her. Das glaube ich kaum. Irre Menschen, ob tot oder lebendig, ziehen in der Regel genügend Schaulustige an. Der Grund wird eher, dass ein spontaner Besuch des Museums fast nicht möglich ist: Es gibt nur zwei Tageszeiten, zu denen es geöffnet ist. Bei unserer Ankunft schloss der weißhaarige und sympathische Luigi das Asylum eigens für uns auf. Das ist natürlich ein Henne-oder-Ei-Problem: Unflexible Öffnungszeiten mögen in spärlichen Besucherzahlen resultieren, aber bei wenigen Besuchern lohnt sich ein Rund-um-die-Uhr-Betrieb wiederum nicht.
Der nächste Grund für die stiefmütterliche Behandlung der Insel im Standard-Touristenprogramm ist die verhältnismäßig schlechte Erreichbarkeit von San Servolo. Während die Wassertaxis die Schwesterinseln mit diversen Linien anfahren, fährt nur die 20 Richtung Wahnsinn. Zusammen genommen mit den unhandlichen Öffnungszeiten landet niemand versehentlich in der Anstalt. Auch wir haben ein paar Tage vorher unseren Besuch geplant, und das nur aufgrund eines Tipps einer italienischen Freundin. Und auch die hätte nie von dem Asylum gehört, hätte sie nicht vor Jahren einen Trip mit der Schule dort hin gemacht.
Jede drittklassige Touri-Website redet von Geheimtipps – so geheim, dass sie sogar öffentlich im Netz stehen – aber gerade im Kontrast zu der sonst so überlaufenen Touristenhochburg Venedig ist San Servolo eher unter der Kategorie „Insiderwissen“ zu verbuchen.

Irre auf der Insel

Nichts für Warmduscher: Der Käfig für die Hydrotherapie.

Dabei ist es eine Schande. Luigi ist zwar eher als Aufpasser denn als Tourguide gedacht, aber es hat doch etwas von einer persönlichen Tour, dass wir sechs uns alle Zeit nehmen können, die wir brauchen. Es geht dann weiter zum nächsten Gebäude, wenn wir uns satt gesehen haben. Der alte Italiener hat zwar ein wenig Mühe mit dem Englisch, aber das hält ihn nicht davon ab, uns die ein oder andere Zusatzinfo zu geben und sein Gesicht hellt sich auf, als er von meinem Studium hört.
Von 1725 bis 1978 fand der Wahnsinn auf San Servolo ein Zuhause. Als Heimat von Mönchen und Nonnen über ein Militärkrankenhaus bis hin zur Irrenanstalt hat die Insel in den Jahrhunderten wohl einiges gesehen. In den frühen Zeiten der Psychiatrie war der Fundus an Behandlungsmethoden … naja, sagen wir mal: begrenzt. Die Lösung lag darin, die Patienten gut wegzusperren, sodass sie eine möglichst geringe Gefahr oder Belastung für andere und für sich selbst darstellten. Dafür eignet sich eine Insel natürlich ganz prächtig und bei all den Mauern und dem ganzen Wasser drumherum kommt man nicht umhin, an ein Gefängnis zu denken. Das Verständnis geistiger Erkrankungen geschweige denn deren Ursachen war praktisch nicht existent. An Ideen zur Behandlung mangelte es dennoch nicht: Eine Taktik war Arbeitstherapie, bei der die Patienten den unterschiedlichsten Berufsfeldern zugeordnet wurden, um eine Beschäftigung zu haben. Ob Arbeit auf den Feldern des Festlandes oder Schmiedehandwerk: Das war wohl noch eine der vertretbaren Ideen der Anstalt und garantierte immerhin eine gewisse Einbindung der „Irren“ in einen strukturierten und sozialen Alltag.
Direkt im ersten Raum der Ausstellung wird aber bereits deutlich, dass hier nicht gerade Kuscheltherapie betrieben wurde. Hatte ich immer geglaubt, dass der Kram, den man so in Filmen sieht, alles ein wenig übertriebener darstellt, so musste ich feststellen, dass zumindest die gezeigten Gerätschaften durchaus der Realität entsprechen. Die sprichwörtlichen weißen Westen zur Fixierung allzu beweglicher Patienten sind natürlich kein Märchen. Es gab aber auch eine beeindruckende Sammlung verschiedener Fesseln und während wir unter „Hydrotherapie“ heute allerhand esoterische Wohlfühl-Behandlungen verkaufen, spricht der schaurige Duschkäfig eine andere Sprache: Erzwungene kalte Duschen und Dauerbäder waren ebenso unspezifisch wie wirkungslos, aber vor allem eins: sehr unangenehm für die Patienten. Ebenso ins Blaue geraten wirkt die Musiktherapie, repräsentiert durch einen großen Flügel am Ende des Museumsgangs. Aber immerhin kann Musik zwar durchaus auch Folter sein, ist im Allgemeinen aber eine eher sanfte Herangehensweise.

Technische Gadgets

Elektrokonvulsive Therapie war damals ein wenig rudimentärer.

Überrascht hat mich dann aber doch die naturwissenschaftliche Ausrichtung der Anstalt. Der Fundus an gezeigten Instrumenten ist beeindruckend und Hersteller wie Zeiss verraten auch für damalige Verhältnisse nicht zu verachtende Qualitätsstandards. Einige Apparaturen und Techniken erwarb das Asylum schon kurz nach ihrem Erscheinen auf dem Markt – was die Ausstattung anbelangt, ließ man sich nicht lumpen. Man mag hinterfragen, wie verlässlich diverse Blut- und Urintests zu damaligen Zeiten gewesen sind, aber allein die Tatsache, dass sich schon damals überhaupt jemand für Krankheitszusammenhänge in diesem Detail interessiert hat, ist schon mal ein anerkennendes Nicken wert. Mit entsprechenden Geräten wurden hauchdünne Schnitte von Organen angefertigt und zur Auswertung eingefärbt. Das machen wir auch heute noch – und ich würde mal schätzen, dass die ollen Kisten Wissenschaftler heute genau so zur Weißglut treiben wie Wissenschaftler damals. Ich spreche aus Erfahrung wenn ich sage: Ein Gehirn in verwertbare Scheibchen zu schneiden ist nicht halb so spaßig, wie es klingt.
Apropos spaßig. Wer „Anstalt“ sagt, der muss auch „Elektroschocks“ sagen. Damals wie heute gab es Elektrokonvulsionstherapie. So abstrus es klingen mag, nutzen wir sie heute noch für Schizophrenie und Depressionen.  Dabei werden die Patienten jedoch in Narkose gelegt und erhalten Medikamente, die die Muskeln entspannen und so Schäden durch allzu starke Krämpfe verhindern. Derartige Sicherheitsstandards gab es in den Anstalten des 19. Jahrhunderts nicht.
Während der Umgang mit den Patienten also durchaus nicht zimperlich war, bemühte man sich dennoch so gut es ging zu verstehen, was die Ursache für das Leiden dieser Menschen war. Im wiederaufgebauten Sektionssaal konnten wir nicht nur das alte Sektionsbesteck begutachten, sondern auch präparierte Gehirne und Schädel, die Aufschluss über die Krankheitsbilder ihrer ehemaligen Besitzer geben sollten. Ein hühnereigroßer Tumor direkt vor dem Cerebellum gelegen kann sicherlich allerhand Unheil stiften.

Licht und Schatten

Ein gefärbter Hirnschnitt bringt nicht nur Farbe in Spiel, sondern gibt auch Aufschluss über die Hintergründe einer psychiatrischen Störung.

Bei all den berichten über misshandelte Patienten in den frühen psychiatrischen Anstalten hatte ich so viel Forschungsgeist und Ideenreichtum in Sachen Therapien (wenn auch vergebens) nicht erwartet. Irgendwie hatte ich vermutet, dass man die Patienten ohne irgendwelche Fragen zu stellen einfach bloß verwahrt und von Zeit zu Zeit mal getriezt hat. Als ich Luigi darauf ansprach, dass die gesamte Anstalt bei all den Grausamkeiten mit all den (für damalige Verhältnisse) neumodischen Gerätschaften und sanfteren Ansätzen wie Musiktherapie doch sehr fortschrittlich wirke, lächelte er ein wenig bitter. Nein, großartig besser als in anderen Anstalten sei es hier auch nicht gelaufen. Harsche Behandlungsmethoden, ob nun aus fehlgeleitetem Wunsch zu heilen oder tatsächlicher Kaltschnäuzigkeit, waren an der Tagesordnung. Irrenanstalten in den vergangenen Jahrhunderten bleiben eine unspaßige Angelegenheit.
Dennoch finden sich in den Museumsgängen von den Patienten gestaltete Kunstwerke und eine lange Reihe von Vorher-Nachher-Fotos der Insassen. Den allermeisten von ihnen ist eine Besserung deutlich anzusehen. Ob nun durch die „Therapie“ vor Ort oder den Zahn der Zeit sei mal dahingestellt. Zu Bedenken ist auch, dass es für diejenigen, die die Insel niemals verlassen haben wohl hieß: Ich habe heute leider kein Foto für dich.
Im Moment erinnern in Alu gebannte Portraits der Patienten der Künstlerin Anne-Karin Furunes im Innenhof der Anstalt an die ehemaligen Insassen. Die alte Apotheke beherbergt wunderschön bemalte Medikamententöpfe nur noch der Nostalgie wegen. Während mit den 1950er Jahren die ersten Neuroleptika ihren Weg in die Psychiatrie fanden, gelang 1971 der Durchbruch mit Clozapin, dem ersten sogenannten atypischen Neuroleptikum. Damit wurden die fiesen „extapyramidalen Nebenwirkungen“, also Störungen im Bewegungsablauf, weitestgehend eingeschränkt. Die Behandlungsqualität psychiatrischer Patienten steigerte sich drastisch.

Das Ende des Wahnsinns

Präparierte Gehirne und Schädel, krankhaft verändert und/oder deformiert, werden im Sektionsraum ausgestellt.

„Und genau dann haben sie das Asylum geschlossen“, bringt Luigi seine Führung zum irgendwie wehmütigen Schluss. Mit der Reform der italienischen Psychiatrie 1978 wandte man sich von den klassischen Irrenanstalten ab. Sicherlich die richtige Entscheidung.* Aber wer weiß, was aus San Servolo im Verlauf des Forschungsfortschritts geworden wäre?
So jedenfalls hat es sich in ein Museum verwandelt und bietet nicht nur Einblick in die damalige Methodik, sondern beherbergt auch ein reiches Archiv an Patientendaten aus früherer Zeit. Ein Schatz von unschätzbarem Wert für Historiker und Touri-Nasen wie mich, die angesichts einer alten Gehirnsammlung in Formaldehyd in den Gemütszustand eines Kindes an Heiligabend versetzt werden.
Wie auch immer man die Behandlung in den Asylums des 19. Jahrhunderts einordnen will: Ein solcher Ort hat läppische sechs Besucher an einem Nachmittag nicht verdient. In den wenigen Bewertungen im Netz wird gemault, dass 6 € Eintritt (4,50 € ermäßigt – ohne Vorlage eines Studentenausweises und auf Nachfrage des Rezeptionisten, nicht auf unsere hin) für ein paar kurze Flure mit ollen Instrumenten sowieso nicht lohnenswert seien. Ich persönlich sehe das anders, vor allem wenn ich bedenke, dass ich je nach Standort bereits 4,50 € für drei Kugeln Eis in Venedig zahle.
Spread the word. Ein Eis weniger, ein paar Gehirne mehr.

*Nachtrag zur Reform von 1978

Danke an Userin Maria Katz auf Facebook, dass die italienische Psychiatriereform nicht unbedingt das Gelbe vom Ei war. Dieser Spiegel-Artikel von 1988 beschreibt den völlig aus dem Ruder gelaufenen Verwaltungswahnsinn, in der vielen Patienten eher schadete als nutzte. Zwar kamen im Zuge der Umstellung auch viele desolate Zustände in psychiatrischen Einrichtungen ans Licht, doch durch die Reform wurden diese nicht besser – bloß anders. Wie bei so vielen Reformen wurde erst mit viel Rabatz gehandelt – und dann nachgedacht. Die Strukturen, um die ehemaligen Insassen der Anstalt aufzufangen, waren nicht gegeben. Manchmal ist „gut gemeint“ genau das Gegenteil von „gut“.


Quellen und erwähnte Links in Reihenfolge des Erscheinens, Stand 28.03.2018, 02:04

[1] Museo del Manicomio
[2] Atlas Obscura – San Servolo Insane Asylum Museum – Venice, Italy
[3] Rohnert-Koch, F. (2009). Hydrotherapie in der Psychiatrie des 19. Jahrhunderts – Inauguraldossertation zur Erlangung des Grades eines Doktors der Medizin des Fachbereiches Medizin der Justus-Liebig-Universität Gießen
[4] Cochrane – Electroconvulsive therapy for schizophrenia – 20.04.2005
[5] UK ECT Review Group (2003). Efficacy and safety of electroconvulsive therapy in depressive disorders: a systematic review and meta-analysis. Lancet 361(9360), 799-808.
[6] Anne-Karin Furunes, exhibition at San Servolo during Venice Biennale
[7] Wikipedia – Neuroleptikum – letzte Änderung 18.03.2018 – 13:45
[8] Der Spiegel 37/1988 – Glatter Wahnsinn

1 Kommentar

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