Mit den Zahlen ist es so eine Sache. Sie können sehr informativ sein, aber man kann sie auch ein bisschen verschusseln oder sogar gezielt damit Verwirrung stiften, selbst wenn sie stimmen. Besonders gerne stürzen sich Blogger darauf, wenn hohe Stellen wie die Regierung ihre Statistik nicht ganz auf die Kette gekriegt haben. Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.
Ungefähr 21.367.789.124 Mal in den letzten 24 Stunden (gefühlte Statistik, aber ziemlich akkurat, schätze ich) wurde meine Timeline geflutet mit Berichten zu den gesunkenen Organspender-Zahlen. Hier die offizielle Pressemitteilung der Deutschen Stiftung Organtransplantation.
Gierig haben sich diverse Zeitungen die Zahlen geschnappt und schockiert verbreitet: nur 797 Organspender bundesweit! Weniger als 10 Spender pro Millionen Einwohner!

Das klingt nach so wenig, dass man sich für sein Land schämen möchte. Wie kann es sein, dass wir so knauserig sind mit einem Gut, das uns selbst nach dem Tod nichts mehr nützt, aber das Leben anderer retten könnte? So wichtig das Thema ist, schleicht sich hier leider ein bitterer Beigeschmack ein. In den Kommentarspalten kommt rasch der Einwand auf: „Aber hier geht es doch gar nicht um die Zahl der Leute mit Organspendeausweis!“
Sehr richtig. Wir müssen uns hier die Frage stellen, wie man „Organspender“ definiert. Landläufig, würde ich behaupten, meinen die meisten Leute damit eine Person, die einen Organspendeausweis besitzt. Das schließe ich aus der Empörung der Leute, die mir im Gespräch entgegen schlug, wenn sie dahinter kamen, wie die 797 Organspender eigentlich gemeint waren: 797 Leute in Deutschland, die verstorben sind und deren Organe dann entnommen und gespendet wurden. Die endgültige Zahl der Spender hängt natürlich von der Zahl der Ausweisbesitzer ab, aber nicht davon allein. Wie die Schwester meines Freundes völlig zu Recht anmerkte: „Aber das kann doch auch heißen, dass einfach weniger Leute gestorben sind und deswegen weniger gespendet wurde.“
Genau. Zu dieser Zahl sind ohne Bezug zur Menge der Ausweisbesitzer zig Alternativerklärungen möglich. Es kann zum Beispiel auch sein, dass deutlich mehr Verstorbene einer Organspende zugestimmt hätten – aber aufgrund von Ausschlusskriterien nicht in Frage kamen.
Wie viele Menschen waren denn nun bereit zu spenden? Das ist nicht so leicht zu beantworten wie die Frage nach den letztendlich gespendeten Organen. Letztere kann man einfach zählen – erstere bloß anhand von Stichproben schätzen. Wenn man aber ein bisschen gräbt, findet man folgende, zugegeben etwas schwammige, Daten: Im Jahresbericht der DSO zur Organspende und Translplantation 2016 entdeckt man auf Seite 54 das Verhältnis von realisierten, also durchgeführten, Organspenden im Vergleich zu den möglichen Organspenden. „Als mögliche Organspender“, so heißt es im Bericht, „werden Verstorbene bezeichnet, bei denen der Tod nach den Richtlinien der Bundesärztekammer festgestellt worden ist und keine medizinischen Ausschlussgründe zur Organspende aufgrund der Organfunktion oder der Gefährdung des Empfängers durch übertragbare Krankheiten vorliegen.“ Das waren 2016 1.248 Menschen. Zu Spendern wurden 857 von ihnen – 68%. Das bedeutet zum einen, dass die Zahl der Spender gar nicht mal so viel höher gelegen hätte, wären alle möglichen Spenden auch umgesetzt worden. Wir wären – gerundet – immer noch bei etwa 10 Spenden pro Millionen Einwohner gelandet. Dennoch hätten etwa 400 Spender mehr zur Verfügung gestanden, was bei durchschnittlich 3,3 gespendeten Organen pro Spender (siehe Bericht) etwa 1320 zusätzliche Organe nach sich zieht – und das ist bei Weitem kein Pappenstil, sondern bedeutet  möglicherweise 1320 zusätzlich gerettete Leben. Zumal, auch das geht aus den Zahlen hervor, der häufigste Grund für die Nicht-Durchführung einer Spende die fehlende Zustimmung nach dem Tod ist. Und: „Fälle, bei denen die Angehörigen von sich aus eine Organspende vor der Todesfeststellung ausgeschlossen haben, werden von der DSO nicht flächendeckend erfasst.“ Das heißt wiederum: Wer sich schon vorher gegen eine Spende entschieden hat, taucht in den Zahlen womöglich nicht auf und somit wären wohl eigentlich noch mehr Spenden möglich gewesen.
Auf Seite 54 sieht man auch: Im Falle einer Zustimmung zur Organspende beruht die Entscheidung hauptsächlich auf dem vermuteten Willen, aber der schriftliche und mündliche Wille sind ebenfalls häufige Gründe. Anders bei der Ablehnung: Die geht oft auf die Angehörigen zurück. Die klare schriftliche Ablehnung ist sehr selten. Es kann also gut sein, dass der Verstorbene durchaus bereitwillig gespendet hätte, das aber nie schriftlich fixiert hat und die Angehörigen dann die Entscheidung zur Ablehnung treffen. Viele Menschen möchten in dieser Hinsicht auch den Wunsch ihrer Angehörigen berücksichtigen, aber dennoch unterstreichen diese Zahlen, dass man selbst aktiv werden muss, wenn man seine Wünsche über das Ableben hinaus vertreten wissen möchte. Sonst entscheiden andere vielleicht nicht im Interesse des Toten.
Es ist natürlich seine sehr persönliche Entscheidung, aber für mich selbst wiegt der Wunsch, anderen Menschen mit meinen Organen (die ich nicht mehr benötige) zu helfen, schwerer als der eventuelle Wunsch meiner Angehörigen nach Unversehrtheit meiner Leiche.

Wie aber sieht es nun mit den Organspendeausweisen aus? Immerhin werden die Zahlen genutzt, um den Besitz eines Ausweises zu bewerben. Ebenfalls auf der Seite der Deutschen Stiftung Organtransplantation findet man einen Artikel der besagt, dass 2001 12% der Bevölkerung einen besaßen. „Nach den neusten Umfragen liegt die Zahl der Ausweisinhaber bei etwa 30%.“ Leider steht kein Datum dabei, aber da die Entscheidungslösung von 2012 erwähnt wird, müssen wir uns mindestens in besagtem Jahr befinden. Das ist immer noch wenig, klingt aber a) weniger dramatisch als die rund 800 Spender und zeigt vor allem b) einen mehr als deutlichen Aufwärtstrend, was doch sehr erfreulich ist!
Es drängt sich ein wenig der Gedanke auf, dass die so erschreckend niedrige Zahl von 10 Spendern pro Millionen Einwohnern bewusst verwendet wurde, um die Lage dramatischer darzustellen, als sie ist und mehr Leute dazu zu bewegen, einen Ausweis auszufüllen. Ob das eine kluge Taktik ist, wage ich zu bezweifeln. Sobald Menschen sich mit Statistik „verarscht“ fühlen, reagieren sie eher mit Reaktanz als mit Wohlwollen. Naheliegend. Wichtig ist dabei natürlich, dass die Zahl selbst natürlich weder gefälscht noch falsch ist. Es ist lediglich nicht der Wert, mit dem Menschen in diesem Kontext etwas anfangen können. Viel griffiger und informativer wären die 30% der Ausweisinhaber gewesen. Ob 800 durchgeführte Spenden viel oder wenig sind, konnte ich bis zu meiner Recherche auch nicht einordnen.
Hinzu kommt, dass durch das Stille-Post-Prinzip von Artikel zu Artikel die Formulierungen immer verwaschener wurden. Bei der Brigitte werden aus den rund 800 Spendern mal eben rund 800 gespendete Organe – in Wahrheit waren es aber rund 2.500, weil ein Spender in der Regel mehrere Organe spendet.

Diskutiert wird in dem Kontext auch immer wieder das System der Spende selbst. Wie die meisten wissen ist in Deutschland die aktive Zustimmung zur Spende nötig, z.B. durch einen Ausweis. In anderen Ländern, zum Beispiel Österreich, ist man an sich erst mal Spender – es sei denn, man widerspricht ausdrücklich. Das bedeutet, in beiden Ländern ist die Entscheidung frei. Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman merkt in seinem Buch Thinking, Fast and Slow an, dass die Formulierung der Frage („Wollen Sie (nicht) Organspender sein?“) deutliche Auswirkungen auf die Antwort hat. Es ist unwahrscheinlich, dass die Einstellung der Österreicher zur Organspende sich grundsätzlich von der der Deutschen unterscheidet. Die kulturellen Unterschiede von Nachbarländern mit derselben Sprache sind in der Regel nicht so gravierend. Dennoch kommt Österreich auf eine Rate von 23,8 Organspendern pro Millionen Einwohnern, wie derStandard berichtet. Nun hat Österreich aber auch nur etwa 9 Millionen Einwohner, sodass das 207 Spendern und 780 durchgeführten Organtransplantationen entspricht. Damit steuert Österreich trotz höherer Spenderrate weniger Organe bei als Deutschland. Dennoch stellt sich die Frage: Wenn es mehr Spender gibt, sobald die inhaltlich selbe Entscheidung anders formuliert wird – ist es dann in Ordnung, über einen Wechsel des Systems mehr Spenden herbeizuführen? Selbstverständlich ist es nicht allein die Formulierung, sondern auch Verfügbarkeit. Will ich in Deutschland spenden, muss ich losziehen und mir einen Ausweis besorgen. Das ist ein kleiner, aber nennenswerter Aufwand. Ich kann es vergessen, ich kann zu faul sein, ich kann es hinausschieben, bis es zu spät ist. Selbst, wenn ich eigentlich pro Organspende bin, kann es an dieser winzigen Hürde scheitern.
Obwohl jedoch auch bei der Widerspruchslösung die Entscheidung frei bleibt, sehen einige Menschen die Lösung, dass jeder grundsätzlich erst mal Spender ist, als zu krassen Eingriff in die Freiheit. Eben weil im Falle des Widerspruchs ähnliche Mechanismen greifen könnten wie in dem Szenario, dass jemand, der eigentlich spenden möchte die nötigen Papiere nicht ausfüllt. In beiden Fällen könnte man einwenden: Wenn es mir wichtig ist, dann tue ich auch etwas dafür. Aber es scheint nicht ganz so einfach zu sein.
Ich selbst befürworte eine Widerspruchslösung mit dem Argument, dass ich mich jederzeit dagegen entscheiden kann. Zwang sieht in meinen Augen anders aus. So oder so müssen wir mit der aktuellen rechtlichen Lage leben – derzeit gibt es nur den Weg, die Leute zum Ausfüllen eines Ausweises zu ermuntern und zu informieren. Zum Beispiel darüber, dass es auch möglich ist, nur einen Teil der Organe zu spenden, also die Niere freizugeben, aber das Herz zu behalten, wenn es mir aus irgendwelchen Gründen wichtig sein sollte. Wichtig ist hierbei auch die genannte Verfügbarkeit: Ausweise müssen immer und überall herumliegen, damit ich nur danach greifen und meinen Namen eintragen muss.

Ich selbst finde vor allem den Gedanken unangenehm, dass wir durch die unterschiedlichen Systeme von Land zu Land zwar verhältnismäßig wenige Organe beisteuern, aber von anderen Ländern Organe beziehen und somit davon profitieren, dass unsere Nachbarn die Widerspruchsregelung haben. Immerhin sagt die Pressemitteilung der DSO: Wir haben letztes Jahr 2594 Organe gespendet. 2764 wurden transplantiert. Das heißt, wir nehmen zwar mehr Organe als wir geben (und wenn man die Zahlen der tatsächlichen Spender insgesamt bedenkt, ist eine Differenz von etwa 200 Organen vermutlich ziemlich hoch), aber es ist weniger schlimm, als ich erwartet hätte. Und wenn die Zahlen der durchgeführten Spenden zwar sinken, die Anzahl der Ausweisbesitzer aber ansteigt, dann sind nicht die fehlenden Spender das (alleinige) Problem. Das wird dankenswerterweise in einem Artikel im Spiegel auch so formuliert – als problematisch werden dagegen die Abläufe in den Krankenhäusern beschrieben.
Nichtsdestotrotz bedeutet das nicht, dass wir nicht noch deutlich mehr Spender gebrauchen können. Laut dem Jahresbericht standen in Deutschland etwas mehr als 10.000 Menschen auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Der Bedarf ist also alles andere als gedeckt. Irreführende Zahlen und reißerische Berichterstattung hin oder her: Selbst, wenn sich die Anzahl der Ausweisbesitzer positiv zu entwickeln scheint, kann man gar nicht genug Organspender haben. Der Appell bleibt trotz aller Kritik also derselbe: Holt euch einen Ausweis. Füllt ihn aus. Engagiert euch in der Debatte um die Entscheidung/den Widerspruch zur Organspende.
Ich habe mein Herz bereits für den Fall verschenkt, dass es zu meinem Ableben noch in einem brauchbaren Zustand ist. Ich weiß nicht, ob es zu Spende kommen wird. Ich weiß nicht, wer es in diesem Fall bekommen wird. Aber ich bin mir sicher, derjenige wird es zu schätzen wissen.


Quellen und erwähnte Links in Reihenfolge des Erscheinens, Stand 18.01.2018, 12:04

[1] DSO: Niedrigster Stand der Organspenden seit 20 Jahren. – 15.01.2018
[2] DSO: Jahresbericht Organspende und Transplantation in Deutschland 2016
[3] DSO: Organspendeausweis.
[4] Brigitte – Organspende: Zahlen in Deutschland auf Rekordtief. – 16.01.2018
[5] Wikipedia – Schnelles Denken, langsames Denken
[6] derStandard – Zahl der Organspenden in Österreich nimmt zu – Innere Organe – 22.06.2017
[7] Spiegel online – Organspende: Zahl der Spender sinkt – Krankenhäuser sind mit Schuld – 15.01.2018