Um bei der Metapher von Tante Hildes Geburtstagsfeier zu bleiben: Besonders pikant wird die Situation, wenn mein Studium ins Spiel kommt. Gestatten: Psychologie-Studentin, in ein paar Wochen gibt’s eine Rose, äh, den Bachelor, meine ich.

Na, Lust eine Runde Klischee-Bingo mit mir zu spielen? Ich mache ja „was mit Menschen“, entsprechend kann ich „Gedanken lesen“, „analysiere“ meine Mitmenschen pausenlos und vergebe jetzt schon mal Plätze auf meiner zukünftigen „Couch“. Was den Leuten sonst noch im Kopf rumschwirrt ist allenfalls der knackige NC, womöglich verbunden mit dem geplatzten Traum des eigenen Psychologie-Studiums.
Vielleicht ist es eine ganz gute Idee, die gängisten Mythen über mein Studium hier mal zu listen, denn dann kann ich bei Tante Hildes nächster Feier einfach auf den Blogeintrag verweisen, anstatt dieselbe Leier wieder und wieder runterzunudeln.

Ich kann Gedanken lesen

Unfassbar eigentlich, dass ich das überhaupt beantworten muss, aber: nope. Und ich bin mir sicher, wenn ich es könnte, würde ich es mental nicht verkraften.
Zugegeben meinen die Leute, die mir diese Fähigkeit zuschreiben weniger eine magische Gabe, sondern vermuten, dass ich extrem geschult darin bin, Körpersprache und Mimik von Menschen zu deuten und zu interpretieren. Das ist nicht der Fall und selbst wenn das Teil meines Studiums wäre, dann würde ich Jahre der Übung brauchen, um halbwegs sicher in der Technik zu sein und selbst dann wäre es immer noch mit viel Unsicherheit und Raten verbunden.
Magier und Mentalisten machen so etwas auf der Bühne und ich finde das in der Tat sehr beeindruckend, wie man Menschen mit einer Mischung aus Geschick, Glück und ein paar Wahrnehmungsfehlern (die wiederum in meinen Studienbereich fallen, z.B. selektive Wahrnehmung) verzaubern kann. Oder nach Strich und Faden betrügen.
Aber vor mir sind Gedanken jedenfalls sicher.

Ich analysiere Menschen

Nicht mehr und nicht weniger als jeder andere, der sich ein Bild von seinem Gegenüber macht. Wie oben erwähnt ziehe ich nicht mehr und nicht weniger Nutzen aus Gestik, Mimik oder Aussagen von Leuten als Nicht-Psychologen. Ich habe von niemandem ein Profil im Kopf und es läge mir fern, in alles psychische Störungen hineinzuinterpretieren. Zugegeben neigen einige meiner Kommilitonen dazu (vor allem in den ersten Semetern), um sich herum Störungsbilder zu sehen, wo gar keine sind. Und ja, ich habe vereinzelt auch ziemlich merkwürdige Menschen aus der Therapie-Szene getroffen, die den ein oder anderen Aspekt ihrer Mitmenschen schon mal auch im Privatleben sehr stark „spiegeln“ (sozusagen mitfühlen) oder überinterpretieren. Aber ich würde schließlich auch lügen, wenn ich behaupte, dass es unter uns keine Irren gibt.
Wenn überhaupt kann ich von mir sagen, dass ich tatsächlich diagnostizierten Störungen in meinem Umfeld durch das Studium gelassener und vielleicht sogar gleichgültiger gegenübertrete. Es gehört zu meiner Normalität einfach dazu. Du hast eine Depression? In Ordnung. Du warst wegen Magersucht in einer Klinik? Gut, dass es dir besser geht. Du nimmst Medikamente gegen deine Schizophrenie? Interessant, von deinen Erfahrungen damit zu hören, aber davon ab … hey, whatever.
Wenn ich eins gelernt habe, dann dass die meisten Krankheitsbilder nicht nur häufig sind, sondern in einem gewissen Spektrum und in einzelnen Aspekten auch in gesunden Menschen zu finden sind.
Nichts könnte mich auf Tante Hildes Familienfeier also in größerem Maße kalt lassen, als wenn ich spontan leichte OCD-Tendenzen bei Onkel Heinz entdecke, der immer genau fünf Mal checken muss, ob er auch den Herd ausgestellt hat.

Ich experimentiere mit Menschen

Na gut. Ich gestehe. Das tue ich manchmal. Aber diese Leute haben dann eine Einverständniserklärung unterschrieben, sind hinreichend aufgeklärt und alles läuft nach sauberer Methodik unter kontrollierten Laborbedingungen ab. Und ist vergleichsweise unspektakulär, denn in den meisten Fällen sitzen meine Probanden beispielsweise vor einer Reaktionszeitenaufgabe am Computer oder füllen einen Fragebogen aus.
Als ich mein Studium begonnen habe, nahm mein damaliger Freund mich für eine ernste Unterredung zur Seite. Ich solle nicht darauf kommen, heimlich irgendwelche Experimente an ihm durchzuführen.
Mal abgesehen von dem unfassbaren Vertrauen, das er mir da entgegen gebracht hat, ist das absolut nicht die Art, wie Forschung funktioniert. Ein wildes Herumstochern im alltäglichen Verhalten einer einzelnen Person? Wo das, was ich beobachte – was auch immer das dann sein mag – genauso gut irgendeiner äußeren Begebenheit geschuldet sein kann oder schlichtweg dem Zufall? Keine Kontrollgruppe? Genau genommen überhaupt keine Gruppe, sondern nur ein einzelner Proband? Völlig ausgeschlossen. Auf einer Verwertbarkeitsskala würde ich auf diese Art erworbenen „Daten“ eine -5 geben. Wenn die Skala von 0 bis 10 reichen würde.
Trotzdem haben Menschen in dieser Hinsicht manchmal Angst vor mir. Die daraus entstehende Machtposition schmerzt mich dabei weniger als das fundamentale Missverständnis von Wissenschaft.

Ich werde Therapeutin. Mit Couch.

Ohhhh nein. Nur, wenn zehn Pferde über meine verweste Leiche trampeln. Oder wie auch immer das Sprichwort geht. Tatsächlich habe ich mein Studium mit der Intention „auf keinen Fall Therapie“ begonnen. Das mag in der Tat ungewöhnlich sein, aber Psychologie ist ein extrem weites Feld, und die wenigsten Bereiche involvieren eine Couch. Selbst die Bereiche, die den therapeutischen Kontext abdecken nicht.
Einige von uns werden natürlich Therapeuten, aber uns bringt man beispielsweise (vehement!) bei, dass Freud zwar für seine Zeit ein wichtiger Einfluss war (Enttabuisierung von Sexualität, Anerkennung unbewusster Prozesse), seine Thesen aber völliger Quark und nicht haltbar sind. Verhaltenstherapie (Lernprozesse; nicht Freud) ist längst auf dem Vormarsch und interessanterweise findet man psychoanalytische (Freud, Über-Ich, Couch und so) Einflüsse eher unter den Medizinern. Über den Unsinn von Psychoanalyse werde ich sicher später eingehen, erst mal reicht jedoch zu wissen, dass das Stichwort „Freud“ den meisten modernen Psychologen eher die Hutschnur hochgehen lässt.
Bonuspunkte übrigens: Ein Mensch mit einem abgeschossenen Psychologie-Studium ist Psychologe. Aber nicht notwendigerweise Psychotherapeut. Hierfür wird nach abgeschlossenem Studium eine weitere Ausbildung benötigt. Medikamente darf keiner von beiden verschreiben. Das darf der Psychiater, dessen Berufsausbildung auf einem Medizin-Studium fußt.
Fernab der Therapie wissen viele noch, dass wir als Gutachter arbeiten, z.B. vor Gericht oder in Kliniken. Auch im Personalwesen kennt man uns vielleicht noch. Dort sind wir im Idealfall dafür zuständig, bessere Einstellungsverfahren zu entwickeln und auszuwerten, wie die Zusammenarbeit am Arbeitsplatz zu optimieren ist. Traurigerweise ist hier zu erwähnen, dass einige Kollegen aber auch schlichtweg unreflektiert 0815-Bewerbungsprozesse durchspielen, die sich in keiner Hinsicht von denen Unterscheiden, die Personaler anwenden würden, die nicht „vom Fach“ sind. Das Potenzial dazu hätten wir allerdings.
Auch in der Werbung und im Marketing sind wir bekanntweise zu finden, aber es geht noch weiter. Wir hängen beispielsweise im Straßenbau mit drin, um Verkehrswege so zu gestalten, dass Leute sich darauf automatisch richtig verhalten. So wird beispielsweise verhindert, dass ein Fahrer versehentlich die falsche Auffahrt (bzw. Abfahrt) erwischt und als Geisterfahrer im Gegenverkehr landet. In Sachen Automobile schätzt man uns aber auch als Experten für Mensch-Maschine-Schnittstellen, wo wir die Bedienung erleichtern oder daran arbeiten, anhand welcher Merkmale Systeme Sekundenschlaf am Steuer erkennen können. In Firmen versuchen wir, das Unfallrisiko am Arbeitsplatz zu verringern und/oder die Produktivität zu steigern, z.B. indem Monitore sinnvoll platziert werden, Lichtbedingungen angepasst werden oder Fehlverhalten durch Sicherheitsvorkehrungen unmöglich gemacht wird.
Kurzum: Wir sind dann gefragt, wenn im „menschlichen Bereich“ zwei Hypothesen gegeneinander getestet werden müssen, zum Beispiel dass ein bestimmter Tastaturwinkel im Vergleich zur vorherigen Ausrichtung zu weniger Tippfehlern führt. Das gilt es dann durch einen korrekten Experimentalaufbau und angemessene statistische Verfahren zu testen. Und das ist größtenteils das, was unser Studium ausmacht.
Wir werden ausgebildet in Experimentaldesign und Methodik, wozu auch Statistik (Mathe!) gehört. Wir lernen Hirnteile auswendig und werden in Lichtmessung, Schallmessung und Programmieren flott gemacht. Wir lernen, zwischen guter und schlechter Forschung zu unterscheiden und bekommen nicht nur die gängigen Theorien eingetrichtert, sondern auch wie man sie testet.
Das bringt mich zum letzten großen Bereich, in dem wir tätig sind: Die Forschung.
Ob grundlagen- oder anwendungsorientiert, ob frei oder für Unternehmen, ob Sozialpsychologie, klinische Psychologie, allgemeine Psychologie oder Entwicklungspsychologie; die Fragestellungen sind vielfältig und das, was wir wissen wollen, oft nicht ohne Weiteres messbar (Glück ist deutlich schwieriger zu fassen als Körpertemperatur). Gerade deswegen werden wir verhältnissmäßig exzessiv in Methodik geschult.

Und was mache ich denn nun?

Ein Freund von mir stellte im Labor, wo ich arbeite, einmal die Frage, als was jeder von uns sich in so einem weiten Feld eigentlich versteht. Leuchtende Augen und lange Vorträge waren die Reaktion. Das zeigte mir nicht nur, dass man Menschen sehr glücklich machen kann, wenn man sie über ihre Passion reden lässt und sich offen und ehrlich für ihre Überzeugungen interessiert. Es ließ mich auch darüber nachdenken, wie ich mein Studium nach außen trage.
Auf Tante Hildes Familienfeier bin ich nämlich Neurowissenschaftlerin, nicht Psychologin. Ich studiere zwar Psychologie, aber die Vorstellung, die die Gäste von Neurowissenschaften haben, kommt meiner tatsächlichen Tätigkeit deutlich näher als das Bild, das sie von „Psychologie“ im Kopf haben. „Neurowissenschaften“ lässt an Hirnteile, Biologie und Mathematik denken. Ich lüge mit dieser Aussage übrigens auch nicht. Mein Weg führt mich in die Hirnforschung, ich arbeite als studentische Hilfskraft in einem entsprechenden Labor an der Uni und habe diverse Forschungspraktika hinter mir, unter anderem in Cambridge. Das bedeutet auch, dass mein Alltag die Planung und Durchführung von Experimenten und die Arbeit mit wissenschaftlichen Forschungsberichten, sogenannten Papers, involviert. Ich mache also weniger „was mit Menschen“, sondern eher „was mit Daten und Gehirn“.
In der Forschungsszene selbst verstehe ich mich dann wieder als Psychologin. Im Gegensatz zu einem studierten Neurowissenschaftler (gibt’s auch) kenne ich mich zwar auch mit hirnphysiologischen Prozessen und Pharmakologie aus, was mir den größten Spaß bereitet ist allerdings die Verhaltenskomponente in Experimenten. Mich begeistert es, ein cleveres Setup zu finden, das ein schwieriges Konstrukt, z.B. eine bestimmte Emotion, so gut es geht messbar macht. Ich möchte daran beteiligt sein, Prozesse zu entwickeln, durch die wir ein beobachtetes Verhalten so eindeutig wie möglich auf Netzwerke oder Vorgänge im Gehirn zurückführen können.
Und die nötigen methodischen Kenntnisse befähigen mich auch, mich in meiner Freizeit verstärkt über Pseudowissenschaft und miese Wissenschaftskommunikation aufzuregen. Was hoffentlich ausreicht, von Zeit zu Zeit darüber zu bloggen.