Ein Vorwurf, den ich sehr häufig höre ist, dass Wissenschaft letztendlich auch nur eine Religion ist. Dann glaubt man eben den Forschern und Studien anstatt der Bibel – wo ist denn groß der Unterschied? Immerhin mutet diese abgegrenzte Community im Elfenbeinturm mit ihren Konferenzen, ihrer eigenen Sprache und dem willkürlichen Wandel ihrer unverständlichen Theorien fast schon einer Sekte an. Und wie vehement diese Wissenschaftler ihre Meinung verteidigen! Die sind gar nicht offen für Einflüsse von außen oder alternative Standpunkte. Das ist doch dasselbe wie ein religiöser Fanatiker, oder nicht?

Ich kann teilweise verstehen, wie man zu diesem Bild kommt, kann diese Sichtweise aber hoffentlich in den folgenden Zeilen widerlegen. Beginnen wir mit der grundlegenden Sache, die für mich persönlich Wissenschaft und Glaube sogar unvereinbar macht, wenn auch viele meiner Kollegen moderat gläubig sind und es auch immer noch Kreationisten in den Rängen der hochkarätigen Wissenschaftler gibt.

Glaube ist die ausdrückliche Abwendung von Beweisen

Glauben bedeutet eben genau das: Die Existenz von etwas annehmen, gerade weil es eben keinen Beweis dafür gibt. Da ist eine Menge Vertrauen involviert, und genau daraus zieht Glaube auch seine Kraft. Glaube bedeutet, „einfach zu wissen“ oder die Antwort „in sich selbst zu fühlen“, aber Beweise von außen sind nicht erforderlich. Die Existenz Gottes wird zuweilen mit der Schöpfung belegt; die Natur als riesige Indizienansammlung für einen intelligenten Schöpfer. Das grenzt allerdings schon an eine zirkuläre Theorie und folgt keiner stringenten, unabstreitbaren Logik. Auch Kreuznägel, Grabtücher und Co. sind eher Tand als ernst gemeinte Belege für die Existenz biblischer Gestalten.
Würde morgen jemand zweifelsfrei die Existenz eines Gottes belegen, welchen Gottes auch immer, was würde sich dann ändern? Für die meisten Gläubigen an der Oberfläche gar nicht so viel. Einige würden sich vielleicht über die Bestätigung freuen – immerhin haben sie es doch schon immer gesagt! Für manche wäre es schlicht irrelevant; sie haben schon zuvor ein Leben gelebt, das die Existenz Gottes beinhaltet und für sie wird es genau so weitergehen. Kaum jemand wird sich wohl gelangweilt abwenden und sagen: „Hm, wenn es eh bewiesen ist, macht es keinen Spaß mehr.“
Aber es würde dennoch gewaltige Umwälzungen geben. Denn als unumstößlicher Fakt beträfe ein bewiesener Gott alle Menschen. Jeder wüsste von ihm – ohne glauben zu müssen. Er wäre eine präsente Kraft im Leben aller, ähnlich wie Elektrizität, deren Existenz niemand abstreitet (gut, Randgruppen vielleicht) und die jeder im Alltag nutzt. Was würde das langfristig mit der Verehrung dieses Gottes machen? Fände sie weiter statt? Würde jeder regelmäßig den Gottesdienst besuchen? Oder würde ein bewiesener Gott einfach so selbstverständlich, dass schließlich niemand mehr ein großes Aufheben um ihn macht?
Eins ist jedoch gewiss: Abgrenzung durch diesen Gott wird nicht mehr möglich. Es mag immer noch unterschiedliche Betrachtungsweisen geben, aber die Gesellschaft ließe sich nicht mehr in die teilen, die an diesen Gott glauben oder nicht. Die Debatte, selbst wenn sie nie die Intention einer Debatte hatte, wäre beigelegt.
Und es entstünde womöglich auch eine Lücke, denn auf einmal würde ein ehemals Gläubiger nichts mehr haben, dem er bedingungslos sein Vertrauen schenkt, denn ein bewiesener Gott ist fast schon zwingend an Prämissen geknüpft, zum Beispiel die Tatsache, dass er existiert. Einem Gott, an den ich Glaube, kann ich Vertrauen entgegenbringen unabhängig davon, ob es ihn gibt oder nicht. Diese Möglichkeit besteht bei einem bewiesenen höheren Wesen nicht. Kommen die Menschen auch ohne dieses blinde Vertrauen aus? Ohne ein gewisses Maß an unbegrenzter Hoffnung? Oder würden sich aus einer Notwendigkeit heraus neue Glaubenskreise bilden, die sich z.B. mehr auf Esoterik stützen?

Ich vermag es nicht vorherzusagen, aber Wissenschaft hat in ihrer angedachten Form einen völlig entgegengesetzten Geist. Hier wird nichts akzeptiert, sofern es nicht belegbar ist. Ich bin sogar in der Lage, das System umzuwälzen, indem ich eine bisherige Theorie widerlege und durch eine andere ablöse. Das geschieht allerdings weniger häufig, als die Außenwelt denkt. Denn meistens müssen auch wir mit ein wenig Schwammigkeit leben und akzeptieren z.B. eine Theorie mit Lücken, die zu dem Zeitpunkt allerdings die beste und funktionalste ist, die wir haben. Wenn wir damit die allermeisten Prozesse bis auf ein paar Randphänomene vorhersagen können und die Formel somit gut in beispielsweise der Wirtschaft nutzen können, dann ist das gut. Wir wissen dabei jedoch, dass irgendwann eine neue Formel kommen wird, die in der Lage sein wird, auch diese Randphänomene mit einzubeziehen. Das hat weniger mit Glauben zu tun als vielmehr mit dem Wissen um die eigene momentane Inkompetenz, die es zu überwinden gilt.
Dieser Prozess führt über eine quälende Durststrecke von ergebnislosen Versuchen, denn die meiste Zeit über findet man keinen Effekt. Leider finden diese scheinbar erfolglosen Experimente oft ihren Weg in die Literatur nicht und schon gar nicht in die Medien. Aus irgendeinem Grund schätzen wir Studien höher, die zeigen, dass etwas funktioniert als diejenigen, die zeigen, dass etwas nicht funktioniert. Dabei kann diese Information genau so wertvoll sein und es ist absolut schädlich, systematisch einen Teil der Ergebnisse zu ignorieren, weil es das Bild verzerrt.
Leider geschieht genau das in Fachkreisen, wo man es eigentlich besser wissen müsste und das ist einer der wenigen Kritikpunkte, aufgrund derer ich die Wissenschaft nicht als völlig grundverschieden von Religion einstufen kann. Denn hinter Wissenschaft stehen Menschen und weil Beruf, Ansehen und Existenz davon abhängen, wehren sich Forscher manchmal, eigentlich belegte Daten anzuerkennen oder Theorien zu verwerfen, die nach allem, was recht ist, gar keinen Bestand mehr haben dürften. Es scheint dann so, als sei das einzig gültige Argument Autorität – und das mutet dann religions- oder sektengleich an.
Eigentlich basiert Wissenschaft aber auf Kritik und Herausforderung und erkennt an, dass Fortschritt vor allem darin besteht, zu irren, zu verwerfen und von null anzufangen. Natürlich gibt es auch Gesetzmäßigkeiten, die irgendwann als so gut gesichert gelten, dass ihr Umsturz höchst unwahrscheinlich ist. Das gilt zum Beispiel für uralte Formeln zu Naturgesetzen, die allenfalls um ein paar Haarspaltereien erweitert werden, die in ihrer Grundform aber seit Jahrhunderten gültige Berechnungen für den Alltag bieten. Dass manche dieser Theorien also so gut wie unumstößlich geworden sind bedeutet aber nicht, dass sie deswegen mehr mit Glaube oder Religion zu tun haben. Sie sind schlichtweg besser gesichert.

Wissenschaft ist also das Ablehnen von Glaube, während Glaube das Ablehnen von Belegen ist, was wiederum charakteristisch für Wissenschaft ist.
Ich habe durchaus schon Diskussionen geführt, in denen deutlich liberalere Gottes- und Religionsbilder angebracht wurden, die in abstraktere Dimensionen abdrifteten und letztendlich mit Multiversen argumentierten. Darauf einzugehen würde den Rahmen sprengen, aber ja, es ist möglich, Gott auf einem derartig vagen Level zu definieren (z.B. als Energie, meinetwegen sogar Elektrizität), dass ich seine Existenz nicht abstreiten kann. Mir ist auch klar, dass es eigentlich nicht möglich ist zu beweisen, dass etwas nicht existiert und wir Gott vielleicht einfach nur über Jahrhunderte übersehen haben oder mit unseren Mitteln noch gar nicht aufdecken können. Dennoch kann man sagen, wenn wir bisher keine Einhörner auf der Erde gefunden haben, dann ist es unwahrscheinlich, dass wir eines Tages noch welche entdecken werden.

Und was ist mit der Kraft des Glaubens?

Ich streite nicht ab, dass Glaube positive Effekte für den einzelnen haben kann und ich lasse jedem seinen Glauben. Ich lege lediglich dar, warum Religion für mich keine Option darstellt. Oftmals hört man auch, dass Wissenschaft den Forschern ähnlichen halt gibt wie ein religiöses Gefüge. In Einzelaspekten mag das stimmen; allein schon, weil eine Gruppenzugehörigkeit allein Kraft spenden kann, sei es die örtliche Gemeinde, der lokale Fußballverein oder eben meine akademische Arbeitsgruppe. Das ist aber Kraft, Rückhalt und Hoffnung auf eine ganz andere, weniger transzendentale Art.
Wissenschaft beruhigt vielleicht, weil ich Hintergründe besser verstehe oder ich Risiken besser abschätzen kann. Aber sie spendet keine Hoffnung aus sich selbst heraus.

Vor drei Tagen hat man mir die Gallenblase entfernt, nach aktuellem state of the art minimalinvasiv. Jetzt sitze ich hier also mit vier kleinen Löchern im Bauch und habe Streit mit meiner Familie, weil ich die Sache sehr unentspannt sehe. Beinahe feixend kommen die Kommentare, ich solle doch deutlich weniger Angst haben, wo ich doch immer alles so rational sehe. Ich müsse einfach genau so faktenbasiert handeln, wie ich das anderen immer aufschwatzen wolle.
Nein, denn meine Wissenschaft und meine Fakten sagen mir zwar, dass das Risiko von Komplikationen überaus gering ist. Sie sichern mir aber nicht zu, dass es keine geben wird. Ich weiß, dass ich einen leicht entzündeten Wundrand gut im Auge behalten muss und auch wenn ich gerne die Gewissheit hätte, dass ein liebender Gott oder eine energetisierte Tesla-Platte mich da schon durchtragen werden, so beinhaltet mein Wissen eben, dass es keine Garantie gibt. Dass Ärzte ohne bösen Willen Fehler machen können oder schlichtweg der Zufall einer erfolgreichen Heilung dazwischenfunken kann. Wissenschaft hat nicht den Anspruch, mir zu vermitteln, dass alles gut werden wird.
Dadurch wird meine Panik nicht rationaler, denn wenn ich tatsächlich nach den wahrscheinlichsten Annahmen handle, dürfte ich mir keine Sorgen machen. Von sicherem Halt ist eine hohe Erfolgschance dennoch weit entfernt.

Dann gibt es da natürlich noch die ganz realen Effekte des Glaubens, den Placebo-Effekt. Glaube mag keine Berge versetzen können, aber er kann durchaus positive Effekte haben, die man gerne nutzen kann. Wenn es denn in Grenzen bleibt. Der Placebo-Effekt ist wenn man bedenkt, dass er auf „nichts“ basiert, unglaublich mächtig. Aber er kann nicht alles leisten. Allein mein Glaube vermag es nicht, Krebs zu heilen und wenn ich lieber bete oder Globuli schlucke, als mich einer Chemotherapie zu untersuchen, verschenke ich womöglich mein Leben. An einem positiven Placebo-Effekt kann ein um ein Vielfaches schädlicheres Weltbild hängen, sei es die Verneinung simpler physikalischer Gesetze („Wasser hat ein Gedächtnis.“) oder die Einspeisung diskriminierender Inhalte („Gott mag keine Homosexuellen.“). Die Konsequenzen sind gefährlich oder verhindern zumindest Fortschritt (ein Kind, das mit dem vermeintlichen Wissen aufgewachsen ist, Wasser habe ein Gedächtnis, wird es schwieriger haben, zum Beispiel zu einem Forscher zu werden, der neu Erkenntnis vorantreibt) oder treiben Keile in die Gesellschaft (Homophobie).
Wie alle Dinge kommt auch der Placebo-Effekt nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen; es gibt sogar den Nocebo-Effekt, wo die eingebildete Wirkung nicht positiv ist, sondern negativ. So können Globuli nicht nur Wohlbefinden, sondern auch Schmerzen auslösen.

Die Kraft des Glaubens ist also mit Vorsicht zu genießen, ebenso wie Angst und Zweifel destruktiv sein können, aber zuweilen auch in berechtigten Schutzmaßnahmen resultieren oder die Motivation sein können, ein fehlerhaftes System zu verbessern.
Wenn es ein Gesamtfazit geben kann, dann eben, dass nicht alles schwarz und weiß ist – was wiederum nicht bedeutet, dass die ganze Welt nur aus Grautönen besteht. Einen Kompromiss zwischen Glaube und Wissenschaft mag es für Einzelne geben, für mich persönlich allerdings nicht.