Eine der großen Fragen des Reis-Experiments war: Wie sorgen wir dafür, dass es verblindet ist? Denn wenn ich beurteilen muss, ob ein Glas verschimmelt ist oder nicht, darf ich nicht davon beeinflusst sein, wie es beschriftet ist. Einfach abdecken geht nicht – sonst weiß man ja nicht mehr, ob man den Reis beschimpfen oder sich bei ihm bedanken soll. Hier erfahrt ihr mehr über unsere Strategie, mit der wir das Problem angegangen sind.

Es gehören immer zwei dazu

Verblindung klappt nur, wenn mehrere Menschen involviert sind. In meinem Fall habe ich Nico dabei, sodass wir die beiden Aufgaben aufteilen können: Einer spricht mit dem Reis, der andere bestimmt, ob Schimmel vorliegt. Nur Nico der Reis-Flüsterer weiß, was er dem Reis zu flüstern hat. Ich, die bewerte, kenne die Zuweisung des jeweiligen Glases nicht. Ansonsten wäre ich womöglich dazu verleitet, bei den „Trottel“-Gläsern viel eher zu sagen: „Ja, das ist Schimmel“ und bei den „Danke“-Gläsern wohlwollend zu urteilen: „Ach, das ist nur ein komischer Fleck, der war schon vorher da.“
Ich suche nach Schimmel. Nico bedankt sich oder beleidigt. Das ist auch gut so, denn er hat die unvoreingenommenere Einstellung gegenüber dem Experiment und ist sowieso einfühlsamer und emotionaler als ich. Wenn der Reis es einem abkauft, dann ihm.

Alles beginnt aber zunächst mit dem Abfüllen des Reises. Hier sind noch alle Gläser völlig unbeschriftet, sodass eine Beeinflussung z.B. der Füllmenge durch die Beschriftung ausgeschlossen ist. Alle Gläser werden hier gleich behandelt. Ich habe diese Aufgabe übernommen und hatte zu diesem Zeitpunkt schon Identifikationsnummern von 1 – 96 für jedes Glas vorbereitet. Diese hatten rein gar nichts mit der Bedingung „Trottel“ oder „Danke“ zu tun, sondern dienten nur der Orientierung für später. Zu dem Zeitpunkt, als ich einen Deckel mit Nummer auf das Glas schraubte, wusste ich noch nicht, welche Nummer welche Beschriftung erhalten würde. Übrigens habe ich die Deckel auch nicht der Reihe nach aufgeschraubt.
Wir hätten die ID-Nummern gar nicht zwingend benötigt, aber so hat nun jedes Glas seine Nummer und das schließt im Zweifelsfall Verwechslungen aus.

Zufällige Zuweisung

Anschließend habe ich mir ein kleines Programm in der Programmiersprache R geschrieben, das meinen 96 Gläsern zufällig die Bedingung „Reis“ oder „Danke“ zuweist. Wir sprechen hier allerdings von einer Pseudo-Randomisierung, weil es nicht vollständig zufällig zugegangen ist. Das klingt jetzt, als hätten wir geschludert, bedeutet aber nur, dass wir dafür gesorgt haben, dass dieselbe Anzahl an Proben in den Bedingungen „Trottel“ und „Danke“ landet. Vollkommen zufällig hätte bedeutet, dass auch 40 Gläser mit „Trottel“ und 56 mit „Danke“ hätten beschriftet werden können. Unwahrscheinlich, aber möglich. Daher die kleine Einschränkung des Zufalls.

Das Auftragen der Beschriftung habe wieder ich übernommen. Im Idealfall hätte das Nico gemacht, aber es war mir ja nun durch die Randomisierung vorgeschrieben, welches Glas (identifizierbar über seine Nummer) welche Beschriftung bekommen sollte. Und die Möglichkeit, die verschlossenen Gläser während der Beschriftung derartig anders zu behandeln, dass es einen Unterschied im Ergebnis macht, hielt ich für sehr gering.

Im nächsten Schritt wurden die Label verdeckt, damit ich wenn ich den Schimmel bewerte, nicht davon beeinflusst werde, in welcher Bedingung das Glas war. Da die Beschriftung direkt auf dem Glas sitzt, aber nur von außen verdeckt wird, mussten wir uns keine Sorgen machen, dass der Reis das Label später nicht „lesen“ kann. Er kann es immer noch „sehen“, bedeckt es aber von innen.
Wie aber kann Nico dann unterscheiden, welchen Reis er beschimpfen soll und bei welchem er sich bedanken soll? Er war derjenige, der die Gläser überklebt hat. Und zwar jeweils mit einer vierstelligen Zahl. Jedes Glas hat seine eigene bekommen. Ich habe keine Ahnung, welches System hinter den Nummern steckt. Das darf ich auch nicht, denn Nico kann anhand der Nummer erkennen, ob es ein „Danke“- oder „Trottel“-Glas ist. Er hat mir nicht verraten, was die Logik dahinter ist. Er hat mir gesagt, dass ich theoretisch drauf kommen könnte, aber dass er das für sehr unwahrscheinlich hält. Auf den ersten Blick erkenne ich jedenfalls kein Muster.
Jedes Glas trägt nun seinen vierstelligen Code und die Nummern auf den Deckeln wurden entfernt. Wenn ich mir ganz ganz ganz viel Mühe gebe, kann ich von innen zwischen den Reiskörnern erahnen, was auf dem Glas geschrieben steht. Aber irgendwo sind auch Grenzen erreicht, wenn der Reis die Beschriftung noch „lesen“ können soll.

Von hier an blind

Wie ihr merkt, habe selbst ich keine Ahnung, was da genau vor sich geht. Blinder könnte ich nicht sein. Ich bin selbst sehr gespannt, was die Auflösung des Zahlencodes sein wird und werde mich natürlich nach dem Experiment zunächst bemühen, ihn selbst zu knacken. Bis dahin kann ich völlig unbehelligt nachsehen, ob es schimmelt oder nicht. Während Nico mit dem Reis flüstert, wenn ich nicht daneben stehe.
Möglich wird das, weil ich einen Nico habe, der bei diesem völlig eskalierten Mumpitz mitmacht. Und der wiederum eine Schwester hat, die alle Labels noch mal gegengecheckt hat. Ich glaube, am Ende haben sich die beiden eine große Portion Milchreis verdient.